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POLITIK
St. Goar bestellt Integrationsbeauftragten

„Es gibt viel, was Flüchtlinge nicht können – ich kann helfen“

Ammar Abou Rokba (26): „Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Party zu machen oder einen Mercedes zu fahren“

Ammar Abou Rokba Integrationsbeauftragter St. Goar
Foto: privat Der junge Syrer Ammar Abou Rokba übernimmt das Ehrenamt des Integrationsbeauftragten

Am 31. März wurde Ammar Abou Rokba (26) bei der Sitzung des Stadtrates zum Integrationsbeauftragten der Stadt St. Goar berufen – einstimmig. Rund 150 Flüchtlinge wohnen in der Stadt, für sie soll er der Ansprechpartner sein, „in die Community hineinwirken“, wie Bürgermeister Falko Hönisch sagt. Anfang Mai wird Abou Rokba sein Amt antreten – das ist seine Geschichte …

Im Januar 2016 flüchtete Ammar Abou Rokba aus Damaskus in Syrien. Über die Türkei und Griechenland kam der junge Mann nach Deutschland. Sein Weg führte ihn nach Sankt Goar, seiner neuen Heimat, wie er heute sagt. Damals war er 21 Jahre alt, hatte gerade sein Studium mit einem technischen Diplom im Wirtschafts- und Handelswesen mit Prädikat abgeschlossen.

In Syrien bleiben, das hätte für ihn bedeutet, zum Militär zu müssen. Denn der Militärdienst ist in Syrien für Männer ab dem 18. Lebensjahr Pflicht. Durch das Studium konnte er diese Pflicht erst einmal aufschieben. Er hoffte, die Lage werde sich nach seinem Studium bessern. Militärdienst in Zeiten des Krieges, für ihn und seine Familie unvorstellbar. Zu viele Männer sterben während des Dienstes.

Abou Rokba ist das älteste von fünf Kindern. Seine Eltern leben mit seinen beiden Brüdern und den beiden Schwestern in Damaskus. Sein Vater, ein Unternehmer, baut Aufzüge in Syrien. „Meiner Familie ging es vor dem Krieg gut. Es gab immer viel Arbeit. Wir hatten ein eigenes Haus. Vor dem Krieg war es sehr schön. Die Menschen konnten lachen und sich Essen kaufen. Seit dem Krieg geht es den Menschen schlecht, sehr schlecht.“ Früher lebte seine Familie im eigenen Haus, besaß weitere Häuser. Heute sind sie alle zerbombt, die Familie lebt zur Miete. Und sie leben in ständiger Angst.

Ammar Abou Rokba Integrationsbeauftragter St. Goar
Foto: privat Der Vater wohnt mit der Familie in Damaskus

Die Geschäfte des Vaters laufen sehr schlecht. „Früher, da handelte mein Vater hauptsächlich mit Deutschland und Frankreich. Er bezog den Großteil seiner Ware aus Deutschland und erhielt stets ein Visum, um seine Geschäftspartner hier und in Frankreich zu treffen. Seit dem Krieg gibt es das nicht mehr. Deutschland und Frankreich verkaufen nicht mehr an Syrer und mein Vater erhält natürlich auch kein Visum mehr. Der Handel läuft nun alleine über die Türkei und Dubai. Die Ware ist viel teurer geworden, alles ist schwieriger zu bekommen.“ Dennoch, seine Eltern möchten Syrien und die Familie nicht verlassen. Auch wenn man nie wisse, was mit einigen Menschen passiere in Syrien. Was in den Medien verbreitet werde – Abou Rokba ist desillusioniert: „Es kursieren sehr viele Lügen über Syrien.“ Das mache ihn traurig und wütend. Diktator Baschar al-Assad und sein Regime – für Abou Rokba eine große Gefahr, alles sei unberechenbar geworden in Syrien.


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Ammar Abou Rokba Integrationsbeauftragter St. Goar
Foto: privat Dreimal trat er die gefährliche Reise über das Mittelmeer an

Aus Angst um sein Leben verließ Abou Rokba seine Heimat Damaskus. Mit dem Flugzeug ging es zunächst mit einem Visum in die Türkei. „Am Flughafen, da gab es keine Gefahr. Aber ab der Türkei war es dann sehr gefährlich.“ Er unternahm drei Versuche, um mit einem Boot nach Griechenland zu fliehen. „In den Booten, das waren so billige Plastikboote, waren viel zu viele Menschen. 50, 60 Menschen in kleinen Booten. Darunter Frauen und Kinder. Und dann gingen die Boote kaputt. Wir mussten von der Polizei  gerettet werden.“

Nach dem ersten Versuch verbrachte er nur einen Tag in Haft in der Türkei. Nach dem zweiten Versuch saß er dann schon zehn Tage in einem türkischen Gefängnis. „Das sind keine guten Gefängnisse. Da gibt es keine Fenster. Es ist kalt. Ich bin ein junger Mann, ich kann das aushalten. Aber da waren immer viele Kinder und Frauen, die geweint, die geschrien haben. Auf den Booten, in dem Gefängnis. Das war sehr schlimm. Ich werde das nie vergessen.“

Von Griechenland aus ging es binnen vier Tagen irgendwie mit Zügen und Bussen nach Hamburg. „Ich kannte die Länder nicht, durch die ich da gefahren bin.“ In Hamburg angekommen, sei ihm schnell klar gewesen, dass er nicht in einer Großstadt bleiben wolle. „Da gab es so viele Flüchtlinge, Syrer, Araber, das war sehr schwierig. Ich hatte keine Ruhe, um nachzudenken. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Party zu machen oder einen Mercedes zu fahren. Ich konnte dort nichts lernen.“


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Ammar Abou Rokba Integrationsbeauftragter St. Goar
Foto: privat Mit kleinen Schlauchbooten, in den bis zu 60 Menschen saßen, ging es übers Meer

Seine erste Wohnung fand er schließlich über das Internet in St. Goar, absolvierte einen Deutschkurs in Boppard, fand Arbeit als UPS-Fahrer. Er machte sich selbständig, bot als Einzelunternehmer einen Transportdienst an. Aus St. Goar pendelte er täglich nach Hessen und lieferte die Ware nach Trier aus. „Das waren lange Tage, immer 16, 17 Stunden war ich am Tag unterwegs. Und dann entschied die Firma, nur noch Fahrer zu beauftragen, die mehrere Fahrzeuge haben. Da musste ich was anderes suchen.“

Er habe vieles versucht, in Deutschland gebe es so viele Möglichkeiten, sagt er. Sein Vermieter, ein Architekt, habe ihn immer unterstützt. Für ihn arbeitet Abou Rokba im Trockenbau, beim Innenausbau. Er habe dabei viel gelernt. Auch ein Studium schwebte ihm vor. Das Problem: Neben der Arbeit zu studieren – da reiche das Geld nicht. Denn er müsse seine Familie unterstützen. „Ich brauche für mich nicht viel, eine Wohnung, etwas zu essen. Aber meine Familie, die braucht meine Hilfe. Ich muss arbeiten, für meine Familie.“ Zudem habe Corona seine Situation erschwert. Ein Studium ohne persönliche Kontakte, Onlinekurse in deutscher Fachsprache, das sei zu schwierig, jedenfalls im Moment.

Seinen Weg zum Integrationsbeauftragten fand Abou Rokba wie von selbst. Seit drei Jahren habe er viele Kontakte vor Ort, auch für andere Flüchtlinge immer ein offenes Ohr, helfe gerne und sei gut vernetzt. „Ich habe schnell Kontakte zu anderen gepflegt und gesehen, dass es vieles gibt, was Flüchtlinge nicht können. So was wie Unterlagen ausfüllen, Briefe verstehen oder so. Als neulich das Hochwasser war, gab es Briefe von der Stadt, dass man sein Auto wegfahren soll zum Beispiel. Das haben die Leute nicht verstanden. Da konnte ich helfen. Mich hat irgendwann der Bürgermeister gefragt, ob ich das machen will.“

Gerne nahm er den Vorschlag an. Was er plane, in seinem Amt, wie es für ihn weitergehen soll, dabei ist er ganz offen. Er müsse viel nachdenken, es gebe so viele Möglichkeiten in Deutschland, was man mache könne, manchmal für ihn zu viele.

Großes Glück hat er in Deutschland bereits erfahren. Vor einem Monat kam seine Tochter zur Welt. Seine Frau, ebenfalls aus Syrien geflüchtet, und seine kleine Tochter, sie geben ihm Kraft. Sein größter Traum sei es nach wie vor, seine Familie aus Syrien wiederzusehen. „Ich habe meine Familie seit fünf Jahren nicht gesehen. Das ist sehr schwer. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mich nur einmal besuchen könnten. Meine Eltern wollten nie aus Syrien weg. Sie wollen trotz allem bei der Familie bleiben.“

Abou Rokba hat viel geschafft. Aber bei allem kreisen seine Gedanken stets um seine Familie. Er ist sich bewusst, wie gut es den Menschen hier geht. Und er ist sich sicher, dass er das beste aus seiner Situation machen kann. „Mir geht es gut, denn ich bin in Sicherheit. Meine Familie – um die mache ich mir große Sorgen.“

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