Während der Krieg in der Ukraine durch den Boom der Artillerie und das ständige Heulen der Luftangriffssirenen geprägt war, zeichnet sich eine ruhigere – und vielleicht nachhaltigere – Krise ab. Die demografische Grundlage des Landes erlebt einen von Experten als „katastrophal“ bezeichneten Zusammenbruch.
Die Geburtenrate der Ukraine, die bereits vor Februar 2022 zu den niedrigsten in Europa gehörte, ist in einen demografischen Abgrund gestürzt, der die Lebensfähigkeit des Landes nach dem Krieg gefährdet. Einfach ausgedrückt: Selbst wenn es der Ukraine gelingt, aus dem Krieg herauszukommen, wird sie in Zukunft nicht mehr genug Menschen haben, um zu arbeiten.
Was die Daten sagen
Die neuesten Zahlen der ukrainischen Regierung zeigen, wie ernst die Lage geworden ist.
Im Jahr 2024 übertraf die Sterblichkeitsrate in der Ukraine die Geburtenrate um fast 3 zu 1. Konkret verzeichnete das Ministerium 176.780 Geburten gegenüber 495.090 Todesfällen, eine Diskrepanz, die sich seit der umfassenden Invasion jedes Jahr vergrößert hat.
Vor dem Krieg, im Jahr 2021, verzeichnete die Ukraine etwa 273.000 Geburten. Bis 2023 war diese Zahl um fast 30 % gesunken. Der Trend hat sich erst verfestigt, als sich der Konflikt auf das Jahr 2026 zuspitzt. Die Gesamtfruchtbarkeitsrate (TFR) – die durchschnittliche Anzahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens voraussichtlich zur Welt bringen wird – wird mittlerweile auf 0,9 bis 1,0 geschätzt. Dies ist weniger als die Hälfte der 2,1, die zur Aufrechterhaltung einer stabilen Bevölkerung erforderlich sind.
Der dreifache Schlag: Tod, Vertreibung und Verzweiflung
Die demografische Krise in der Ukraine wird nicht durch einen einzigen Faktor verursacht, sondern durch einen „dreifachen Schlag“, der die Kohorte im gebärfähigen Alter dezimiert hat:
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Massenmigration: Von den rund 6,5 Millionen Flüchtlingen, die außerhalb der Ukraine bleiben, sind die überwiegende Mehrheit Frauen im gebärfähigen Alter und Kinder. Ihre Abwesenheit stellt eine „verlorene Generation“ potenzieller Geburten dar.
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Militärische Opfer: Während offizielle Zahlen streng geheim bleiben, hat der Verlust Zehntausender junger Männer an der Front zu einem tiefgreifenden Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Bevölkerungsgruppe der 20- bis 35-Jährigen geführt.
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Die „Psychologie des Bunkers“: Für diejenigen, die in der Ukraine bleiben, ist die Familienplanung aufgrund der Instabilität des Lebens unter ständiger Bombardierung zweitrangig. In Regionen wie Cherson und Donezk übersteigen die Sterbefälle die Geburten mittlerweile um das Elffache.
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Die Strategie zum Überleben
Die ukrainische Regierung ist sich voll und ganz bewusst, dass es sich hierbei nicht nur um ein Kriegsproblem handelt, sondern um ein existenzielles Problem, das die Zukunft des Landes über Jahrzehnte prägen könnte.
Als Reaktion darauf verabschiedete das Ministerkabinett Ende 2024 eine ehrgeizige Strategie für die demografische Entwicklung bis 2040.
Aber dieses Mal ist der Ansatz anders.
Anstatt sich nur auf finanzielle Anreize zu verlassen – die selten zu dauerhaften Babyboomern in ganz Europa geführt haben – konzentriert sich der Plan auf die Lösung des Gesamtbildes. Ziel ist der Aufbau einer „barrierefreien“ Gesellschaft mit besserer Infrastruktur, stärkeren Sicherheitsgarantien und stabilen Wirtschaftschancen. Vereinfacht ausgedrückt hofft die Ukraine, Bedingungen zu schaffen, die Millionen vertriebener Frauen und Familien dazu ermutigen, schließlich nach Hause zurückzukehren und ihr Leben neu aufzubauen.
Dennoch ist der Weg, der vor uns liegt, nicht einfach.
Selbst wenn Frieden und Erholung herrschen, wird die Bevölkerung der Ukraine möglicherweise nie wieder die Vorkriegsgröße erreichen. Aktuelle Prognosen deuten darauf hin, dass die Bevölkerung bis 2051 auf etwa 25 Millionen sinken könnte – fast die Hälfte des Höchststands im Jahr 1991, als die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erlangte.
In vielerlei Hinsicht ähnelt diese Krise den tiefen demografischen Wunden, die Tragödien wie die Holodomor-Hungersnot und der Zweite Weltkrieg, der Millionen Menschen das Leben kostete, hinterlassen haben. Aber es gibt heute einen entscheidenden Unterschied. Dieser Zusammenbruch vollzieht sich in einer modernen, globalisierten Welt, in der Migration einfacher denn je ist. Viele Ukrainer, die das Land verlassen haben, entscheiden sich möglicherweise dafür, anderswo ein dauerhaftes Leben aufzubauen.
Alles in allem kämpft die Ukraine nicht nur um die Rückeroberung ihres Landes. Es kämpft um den Erhalt seiner künftigen Bevölkerung.
