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Landgericht verhandelt Messerangriff

Wollte er seinen Nachbarn wirklich ermorden?

Mordversuch LG Bad Kreuznach
Dirk Eikhorst | Hunsrück News Das Landgericht Bad Kreuznach muss jetzt ein Urteil über den Angeklagten sprechen

Dritter Verhandlungstag vor dem Landgericht Bad Kreuznach: Die Plädoyers im Fall des Messerangriffs von Simmern sind gesprochen. Jetzt erwartet den 66-jährigen Deutsch-Russen Nikolay K. das Urteil.

Manche Fälle scheinen auf den ersten Blick glasklar:


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Da passt einer seinen Nachbarn im Hausflur ab, versteckt unter einem Tuch hält er ein 17 Zentimeter langes Messer in der Hand. Auf die Frage, wie es denn gehen würde, antwortet er: „Ich zeig dir gleich, wie es mit geht.“ Dann sticht er unvermittelt zu. In den Oberbauch, die Klinge wird vom Rippenbogen abgelenkt, verfehlt nur knapp lebenswichtige Organe. Aber die Dickdarmschlagader wird verletzt, Blut sickert in den Bauchraum.

Das Opfer schubst den Angreifer weg, begreift erst, was eigentlich passiert ist, als er das Messer aus seinem Bauch gleiten sieht. Mit blutender Wunde flüchtet der Mann aus dem Hausflur, auf die Straße, immer weiter. Voller Angst blickt er zurück: Der Messerstecher kommt aus dem Haus, die Waffe in der Hand. Nach 20 Metern bleibt er stehen, schleudert seinem Opfer eine Beschimpfung auf Russisch hinterher und dreht ab.

Der junge Mann schleppt sich mit der Stichwunde zu einem Haus, findet dort helfende Hände, Sicherheit. Die Polizei wird alarmiert, der Rettungsdienst kommt. Der Rest im Zeitraffer: Not-OP, der Angreifer wird verhaftet, fünf Monate U-Haft, Anklage, Gerichtsverfahren und am dritten Verhandlungstag die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Der angegriffene Mann sagte vor Gericht aus, er habe Angst gehabt, dass er auf der Straße hätte ohnmächtig werden können. „Dann wäre ich jetzt tot“, meinte er, der habe das zu Ende bringen wollen.

Alles klar? Für Juristen nicht!

Für das Gesetz ist es nicht nur wichtig, mit welchem Motiv jemand eine Tat begeht, es ist auch zu berücksichtigen, ob er alles dafür getan hat, sie zu vollenden. Geregelt ist das in §24 StGB: Rücktritt.

Wegen Versuchs wird nicht bestraft, wer freiwillig die weitere Ausführung der Tat aufgibt oder deren Vollendung verhindert. Wird die Tat ohne Zutun des Zurücktretenden nicht vollendet, so wird er straflos, wenn er sich freiwillig und ernsthaft bemüht, die Vollendung zu verhindern.

Strafgesetzbuch (StGB) § 24 Rücktritt, Absatz 1

Und das ist der Punkt, an dem die Staatsanwältin und der Verteidiger die Tat völlig unterschiedlich bewerteten.

Dem Angeklagten sei klar gewesen, nur durch das Überraschungsmoment würde er seinen Angriff gegen den jüngeren, stärkeren und körperlich fitteren Nachbarn ausführen können. Deshalb habe er das Messer unter der dem Tuch versteckt gehabt, sagte die Staatsanwältin.

Sie erklärte: „Der Angeklagte ist seinem Opfer hinterhergeeilt, um sein Vorhaben zu beenden.“ Aber hätte er es auch erreichen können? Dafür sah die Staatsanwältin „keine Anhaltspunkte“. Der Abstand habe schon rund 30 Meter betragen. Deshalb plädierte die für versuchten Mord und forderte eine Freiheitsstrafe von 7,5 Jahren.

Der Verteidiger sah das anders: Das Opfer sei weggelaufen, aber nicht schnell, weil es durch den Stich lädiert gewesen sei, sagte er. Sein Mandat hätte also durchaus die Möglichkeit gehabt, den Nachbarn einzuholen. So könne nicht von einem fehlgeschlagenen Mordversuch ausgegangen werden.

Der Anwalt sagte, dass Nikolay K. deshalb nur für eine gefährliche Körperverletzung verurteilt werden könne. Bei der Strafzumessung sah er aber schon das Höchstmaß als gerechtfertigt an und forderte drei Jahre und vier Monate Haft.

Er ging dabei aber von einem geminderten Strafrahmen aus, denn er wollte den Ausführungen des Sachverständigen Dr. Ralf Werner keinen Glauben schenken. Diese hatte ausgeführt, der Angeklagte sei ein Pegeltrinker und durch die Gewöhnung sei trotz einer Blutalkoholkonzentration von 2,46 Promille zum Tatzeitpunkt von keiner verminderter Schuldfähigkeit auszugehen.

Jetzt muss das Gericht entscheiden. Das Urteil wird für kommenden Mittwoch erwartet …

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