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IG-Metall-Verhandlungsführer

„Wir haben Continental bis an die Kotzgrenze getrieben“

IG Metall Continental Verhandlungen
Foto: IG Metall Die beiden Verhandlungsführer tauschen die unterschriebene Vereinbarung: Dirk Siebels von Continental und Uwe Zabel (r.) von der IG Metall

Die Tinte unter dem Zukunfts- und Sozialtarifvertrag für das Continental-Werk in Rheinböllen ist noch nicht ganz trocken – erst müssen in der kommenden Woche noch die Arbeiter zustimmen. Uwe Zabel, der Verhandlungsführer der IG Metall, berichtet, wie rund 50 Stunden mit der Arbeitgeberseite gerungen wurde. Eingestiegen sei Continental mit der Drohung, das Werk sofort zu schließen.

„Am Tag vor den Verhandlungen hat der Vorstand der IG Metall eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik genehmigt. Ich bin also mit breitem Kreuz in die Verhandlungen gegangen“, berichtete Uwe Zabel gegenüber Hunsrück News.

Freitag, 30. April, 14 Uhr im Otto-Brenner-Saal der IG-Metall-Bildungsstätte in Bad Orb: Mit jeweils neun Vertretern sind Gewerkschaft und Arbeitgeberseite angetreten. Verhandlungen unter Corona-Bedingungen – mit Test, Abstand und Masken.

Conti-Verhandlungsführer Dirk Siebels ließ gleich die Muskeln spielen: „Conti ist auf aller oberster Ebene mit der Drohung eingestiegen, das ganze Werk sofort zu schließen.“ Ein Bluff?

Zabel und seine Verhandlungskommission nahmen Kontakt mit dem slowakischen Bremsen-Werk von Conti auf. Die hätten „die Bude voll“ gehabt, sprich keine weiteren Produktionskapazitäten. Die Folge: Ohne die Bremsen aus Rheinböllen hätten die Bänder in vielen europäischen Autofabriken in absehbarer Zeit stillgestanden.

Zabel erklärte, er sei mit seiner Kommission daraufhin aufgestanden und habe die Verhandlungen abbrechen wollen. „Continental hat damit gedroht, das Werk zu schließen, wir haben damit dagegengehalten, die halbe Automobilindustrie lahmzulegen.“ Zabel hatte das bessere Blatt in diesem Tarifpoker: Continental bat zurück an den Verhandlungstisch.

„Man soll nie mit etwas drohen, was man nicht umsetzen kann“, sagt Uwe Zabel.

Die Stimmung während des Verhandlungsmarathons: „Man sitzt sich mal mit grimmigen Gesichtern, mal mit einem Lächeln gegenüber, es kommen auch schon mal dumme Sprüche“, erklärt Zabel, man müsse das ja auch irgendwie durchhalten. Nur: „In der Sache waren beide Seiten knallhart.“

Nachdem es bei den Verhandlungen begann zu stocken, habe man im Drei-gegen-drei weitergemacht, berichtet er. Nach vielen Stunden sei man dann körperlich und mental an den Grenzen, „aber die andere Seite war auch inhaltlich am Ende. Wir haben Continental bis an die Kotzgrenze getrieben.“

Inhaltlich stand das Ergebnis am Sonntagmorgen um 3 Uhr fest: Die Zahl der Beschäftigten am Standort soll bis zum 30. April 2025 nicht unter 315 fallen, danach weitere drei Jahre nicht unter 250. Continental wird ein festes Produktionsvolumen von vier Millionen Bremsen garantieren. IG-Metall-Mitglieder dürfen bis zum 31. Dezember 2023 nicht betriebsbedingt gekündigt werden. Außerdem gibt es eine Transfergesellschaft und Zugeständnisse bei der Altersteilzeit. Dann musste das Ganze noch schriftlich fixiert werden, was den ganzen Sonntag gedauert habe.

Uwe Zabel räumt ein, dass eine bittere Pille geschluckt werden musste: „Den grundsätzlichen Personalabbau bei der Transformation der Automobil- und Zulieferindustrie konnten wir bezogen auf das Werk nicht verhindern.“ Es sei aber gelungen, die Kündigungen so weit wie möglich herauszuschieben.

Aber eben vorrangig für die IG-Metall-Mitglieder: „Wir schützen unsere Leute und die anderen, die nicht mitgekämpft haben, die schützen wir eben nicht. Das nennt man Solidarität“, sagt der Gewerkschafter.

Aber: Die jetzt geschlossene Vereinbarung sei nur das „Worst-Case-Szenario“, wie Zabel erklärt. Rheinböllen soll zum europäischen Kompetenz- und Produktionszentrum für autonom fahrende Transportroboter werden. „Wenn die einschlagen, dann haben wir hier ganz schnell eine andere Situation“, meint der Gewerkschafter.

Uwe Zabel geht fest davon aus, dass die gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter bei Continental dem Abschluss zustimmen werden.

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