POLITIK
Klimamanager Frank-Michael Uhle erklärt

Wie der Kreis zum internationalen Klimaschutz-Vorbild wurde

„Ich nenne das den hemdsärmeligen Pragmatismus der Hunsrücker“

Klimamanager Frank-Michael Uhle
Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz Der Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises: Frank-Michael Uhle

Wärme, Energie, E-Mobilität – so nachhaltig wie der Rhein-Hunsrück-Kreis lebt und wirtschaftet kaum eine Kommune in Deutschland. Im Binnenland, so schätzen Experten, hat der Kreis sogar bundesweit die Nase vorn. Das ist unter anderem Frank-Michael Uhle zu verdanken, seit 2012 Klimamanager des Kreises. Und dem „hemdsärmeligen Pragmatismus der Hunsrücker“. Aber wie kam der Landkreis zu dieser Spitzenreiter-Position?

Rückblick: 1995 stellten einige Visionäre, bekanntester unter Ihnen ist Werner Vogt, das erste Windrad des Kreises in Beltheim auf. Seither hat sich viel getan. Mittlerweile erzeugen 276 Windräder hier saubere Energie und produzieren Strom für 300 000 Haushalte. Der Zuwachs an erneuerbar erzeugtem Strom hat sich in den letzten Jahrzehnten damit drastisch gesteigert: von null auf aktuell 1,5 Milliarden Kilowattstunden (kWh) im Jahr. Das sind 310 Prozent des Strombedarfs der Hunsrücker – also zwei Drittel mehr, als der Kreis selbst verbraucht. Damit ist er längst Exporteur für den grünen Saft.

1992 wurde bei der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro die „Agenda 21“ verabschiedet, ein – wie es auf der Internetseite des Bundeswirtschaftsministeriums heißt – „entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm mit konkreten Handlungsempfehlungen für das 21. Jahrhundert“.

Das war der Startschuss für die sogenannte Energiewende in Deutschland und der eigentliche Beginn für die ökologische Erfolgsgeschichte des Rhein-Hunsrück-Kreises.

In dieser Phase der Aufbruchstimmung für das Klima startete Frank-Michael Uhle, gebürtiger Moselaner, seine Tätigkeit im Kreis. Das war im Jahr 1999. Im Bereich des Gebäudemanagements verwaltete er die kreiseigenen Schulen und Verwaltungsgebäude. Angestoßen durch Arbeitskreise für die „Agenda 21“ übernahm Uhle das Energiecontrolling, also die Energieeinsparungseffizienz an Gebäuden.


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Uhle, von Beruf Architekt, und sein damaliger Chef, der Landrat Bertram Fleck a.D., begannen damit, klimafreundlich Gebäude im Kreis zu sanieren. Ab 2002 wurden die Gebäude dann nach und nach auf erneuerbare Energien umgerüstet, Nachbargebäude eingebunden und beispielsweise erneuerbare Heizungsanlagen eingebaut.

2012 wurde Uhle schließlich zum Klimaschutzmanager des Kreises benannt und ist damit zentraler Berater für Bürger, Kommunen und Unternehmen im Landkreis.

2008 wurde im Kreis die erste Solargenossenschaft in Rheinland-Pfalz gegründet, 2010 veröffentlichte der Rhein-Hunsrück-Kreis das erste Solarkataster in Rheinland-Pfalz. Eine Analyse ergab: Auf den geeigneten Flächen könnte knapp der gesamte Strombedarf des Kreises gedeckt werden, ca. 484 Millionen kWh. Aber nicht nur beim Solarkataster hat der Kreis Pioniergeist gezeigt. 

Kommunale Klimakonferenz 2016: Frank-Michael Uhle
Foto: Peter Himsel Frank-Michael Uhle spricht auf der kommunalen Klimakonferenz 2016

„Ich könnte mich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, es würde nichts passieren.

Als Moselaner, genauer aus Cochem stammend, war Uhle Ende der 90er-Jahre den Hunsrückern zu Beginn mit Skepsis begegnet. Das sollte sich schnell ändern. „Ich fahre seit fast einem Vierteljahrhundert begeistert da hoch. Der Hunsrücker wirkt im ersten Moment etwas schroff und abweisend. Aber wenn ich in einen Arbeitskreis oder einen Gemeinderat reingehe, wenn sich da eine Chance bietet, hat der Hunsrücker diese blitzschnell erkannt und handelt. In anderen Regionen werden seitenlang Bedenken aufgeschrieben, was alles schiefgehen könnte. Oder nach der Art, lasst die anderen erst mal machen – wenn es dort geklappt hat, können wir das ja immer noch machen. So funktioniert das Leben nicht, dann ist die Chance weg. Ich nenne das den hemdsärmeligen Pragmatismus der Hunsrücker, und ich finde das einfach total genial. Deswegen klappt bei uns vieles, was woanders in Deutschland nicht klappen würde.“

Die Beschreibung als verschrobenes, listiges oder diebisches Bergvölkchen, wie sie über den Hunsrücker in alten Texten geschrieben steht, kann Uhle nicht nachvollziehen. „Unser Klimaschutzkonzept ist ja eine Akte, ein Stück Papier. Ohne die Mentalität der Hunsrücker würde diese Akte in meinem Aktenschrank verstauben. Ich könnte mich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, es würde nichts passieren. Das Erfolgsrezept ist eben auch genau die Mentalität der Hunsrücker: Ärmel hochkrempeln, loslegen, einfach machen. Nicht herummeckern. Ich fühle mich seit 23 Jahren auf dem Hunsrück pudelwohl.

Die Verbundenheit zur Natur, die Gemeinschaft in den Gemeinden, all das begünstige die Projekte. Und das sind schon eine ganze Reihe, die im Hunsrück erfolgreich laufen. „Bottom up“ – auch das ein Schlüssel zum Erfolg des Kreises in Sachen Klimaschutz: Durch Bürgerbeteiligung oder grundsätzlich durch die Initiative von Bewohnern aus den Dörfern oder aus gezielten Arbeitsgruppen entstanden so über die Jahre zahlreiche Modellprojekte. Und es werden immer mehr Gemeinden, die an diesem Erfolg mitwirken.

Die Projekte, die neben einem Bewusstsein für die Energiewende monetäre Nebeneffekte haben, lassen immer mehr Gemeinden beim Klimaschutz einsteigen. Weil es sich rechnet: sieben Millionen Euro nehmen die Gemeinden jährlich an Pacht für die Windräder ein. Dieser wirtschaftliche Erfolg ist ein Paradebeispiel für regionale Wertschöpfung.

So können die Bewohner des Kreises stolz sagen, als einer der ersten den Titel bilanzieller Null-Emissions-Kreis (in den Sektoren Strom, Wärme, Mobilität, Müll) erreicht zu haben, und das zwei Jahre vor Plan, bereits im Jahr 2018. Das bedeutet, der Landkreis spart jährlich 660 871 Tonnen Kohlendioxid ein.

Vorzeigeprojekte für die ganze Welt

Das „Schnorbacher Modell“: Die Gemeinde baute 2014 zwei Windenergieanlagen auf gemeindeeigenen Grundstücken. Zuvor bereits beschloss der Gemeinderat, Teile der Pachteinnahmen für den Klimaschutz einzusetzen. Das Ergebnis: Die Bürger werden bei energetischen Maßnahmen wie Heizungsbau, Solarenergie, Dämmung oder bei der Anschaffung von Elektrogeräten unterstützt. Bedingung: Eine Gebäudeenergieberatung, die ebenfalls von der Gemeinde bezuschusst wird.

Das „Horner Modell“: Die Gemeinde errichtete eine Photovoltaik-Anlage auf dem Gemeindehaus, samt Solarspeicher. Die Nutzung: zur Straßenbeleuchtung mit LED-Lampen und für die Beleuchtung des Gemeindehauses. Ersparnis der Gemeinde: gut 2500 Euro jährlich.

Gemeinderat Horn
Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz Der Gemeinderat Horn mit Glühbirnen im Feld – dieses Bild wurde bereits 2019 bei der Energiekonferenz des Weltenergierates in Abu Dhabi verwendet

Der „Gemeinsame, solarthermische Verbund Neuerkirch-Külz“, also die beiden Gemeinden Neuerkirch und Külz sind Musterorte, in denen beinahe alles umgesetzt ist, was im Kreis in Sachen Klima unternommen wird: Photovoltaik-Anlagen, das Nah-Wärmenetz und Windenergie.

Das Dorf „Mörsdorf“: Die Pachteinnahmen und ein Erfolgsanteil aus der Windkraft von elf Windkraftanlagen pusht die Kommunalentwicklung: Neben dem Bau des Tourismus-Magneten Geierlay-Brücke, die in den ersten beiden Jahren 570 000 Besucher zählte, entstehen touristische Infrastruktur und Arbeitsplätze.

Die „Nahwärmeverbund-Anlage der Verbandsgemeinden Simmern, Kirchberg und Emmelshausen mit dem Kreis und den Rhein-Hunsrück-Entsorgungsbetrieben“: An mehr als 120 Sammelplätzen werden aus Abfallbiomasse der Bürger Wärme und Arbeitsplätze erzeugt. Die Anlage spart 680 000 Liter Heizöl ein.

Heute begrüßt Uhle Gäste aus der ganzen Welt: Klima-Interessierte aus Japan, Kanada oder Großbritannien, insgesamt aus 54 Nationen führte Uhle durch die Region. Alle wollen vom Rhein-Hunsrück-Kreis lernen, wie eine lokale Energiewende klappen kann. Bundesweite Vorträge zählen schon lange zu Uhles Alltag. Immer wieder die Frage: Wie geht das, Wertschöpfung durch Klimaschutz? Uhle kann das an den konkreten Beispielen zeigen.

Auch wenn der Kreis bilanziell bereits Null-Emissions-Kreis ist – ein Thema brennt Uhle aktuell unter den Nägeln: Bei nur 103 000 Einwohnern gibt es im Kreis satte 71 000 PKW. Davon bringen circa 30 000 täglich die Pendler zur Arbeit, die restlichen bezeichnet der Klimavisionär als „Stehzeuge“, nicht als Fahrzeuge. Ein enormes Einsparpotenzial für das Klima und für die Kasse der einzelnen Besitzer ginge dabei flöten.

Wenn ein Pendler sein Fahrzeug mit fossilen Brennstoffen durch ein E-Auto ersetze, spare dieser, erklärt Uhle, locker 2500 Euro an Betriebskosten im Jahr. Und mit eigener Photovoltaik-Anlage auf dem Dach sei die Ersparnis noch deutlicher: nur noch ein Viertel der Betriebskosten entstünden im Vergleich zum konventionellen Verbrenner-Fahrzeug. Ein enormes Potenzial für die Wertschöpfung der Haushalte.

Uhle geht davon aus, dass aktuell 45 Millionen Euro in der Tankstelle bleiben, die in zehn Jahren durch den Wechsel auf E-Autos und das „Tanken“ an der hauseigener Photovoltaik-Anlage an Kaufkraft bei den Haushalten eingespart werden könnten. Daher setzt der Kreis aktuell stark auf das Bewerben der E-Mobilität.

Seit gut anderthalb Jahren werden im Kreis acht Fahrzeuge als E-Dorfauto über Carsharing zur Verfügung gestellt. Durch jährliche Rotation kommen in dem Pilotprojekt 24 Gemeinden in Genuss dieser Fahrzeuge. „Die Zahl muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da ist noch Luft nach oben. Wir sind eine Pendlerregion. Hier müssen wir erst einmal Überzeugungsarbeit leisten.“

„Auch aus rein monetären Gründen, neben dem Umweltschutz, gilt es, Zweit- und Drittwagen durch E-Dorfautos zu ersetzen. Deswegen hat unser Kreistag dieses Elektro-Dorfauto-Konzept beschlossen, um zwei Hemmschwellen abzubauen. Erst einmal die Berührungsängste zur E-Mobilität.“

Auch Uhle hat sich auch vor drei Jahren ein E-Auto gekauft, nachdem er einmal eines geliehen bekommen hatte. „Da sieht man, das ist absolut alltagstauglich, da hat man sogar Fahrspaß und das kostet nur einen Appel und ein Ei im Vergleich zum Verbrenner.“ Die zweite Hemmschwelle sei die Sharing-Economy auf dem Lande. „In den Städten haben die jungen Leute das längst kapiert. Es ist vollkommen unwirtschaftlich, ein Auto da stehen zu haben. Darum haben wir das E-Dorfauto-Projekt ins Leben gerufen. Da werden uns nun die Türen eingerannt. Diese Autos werden viel stärker genutzt, als wir uns es in unseren kühnsten Prognosen erhofft haben.“

Für das Engagement in Sachen Klima erhielt der Kreis wiederholt Preise, etwa den Europäischen Solarpreises im Jahr 2011 oder im November 2018 den Titel „Energie-Kommune des Jahrzehnts“, der von der Agentur für Erneuerbare Energien verliehen wird.

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