POLITIK
Jörg Haseneier siegt in Boppard

War die Stichwahl eine Wahl gegen Bürgermeister Bersch?

Jörg Haseneier
Annette Schön Katharina Müller Jörg Haseneier

Jörg Haseneier war von seinem Sieg bei der Stichwahl um das Bürgermeisteramt in Boppard selbst etwas überrascht: „Ich habe darauf gehofft, aber nicht damit gerechnet“, sagte er zu Hunsrück News.

So überrascht wie der Sieger selbst waren wohl nicht wenige in Boppard: SPD-Kandidat Niko Neuser (42) galt vielen als klarer Favorit – er hat den Bopparder Stallgeruch, reichlich kommunalpolitische Erfahrung und ist sozial engagiert. Am Ende reichte das alles nicht.


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Stattdessen hat der „externe“ Kandidat gewonnen: Jurist Jörg Haseneier, der seinen Wahlkampf vor allem auf die Beendigung des immerwährenden Streits in den politischen Gremien abgestellt hatte. Wie er selbst sagte, habe er von den Wählern einen Vertrauensvorschuss bekommen, sein Slogan habe verfangen. Ist das der Grund für seinen Wahlsieg? Der Versuch einer Deutung.

Die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl war nicht gering, sie fiel sogar überraschend hoch aus. Bei der Hauptwahl – die als Zugpferd die zeitgleich abgehaltene Landtagswahl hatte – fanden 65,7 Prozent der Wahlberechtigten den Weg zur Urne oder beteiligten sich an der Briefwahl. Zwei Wochen später waren es immerhin noch 58,7 Prozent.


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Blick nach Hessen, dort fanden an den gleichen Tagen die Kommunalwahl und nötige Stichwahlen statt: In Marburg brach die Wahlbeteiligung um 25 Prozent ein, in Wetzlar ebenso – dort beteiligten sich an der Stichwahl nur noch 31,9 Prozent. Und dass, obwohl auch hier die Briefwahl möglich war.

Die Bopparder zeigten also eine große Motivation zu wählen. Lag es daran, dass Haseneier und Neuser so begnadete Wahlkämpfer sind, die Wähler ungewöhnlich mobilisieren konnten? Oder lag es daran, dass die Wähler nach 24 Jahren mit Bürgermeister Bersch an der Spitze der Verwaltung die Chance erkannt hatten, den Aufbruch in eine neue politische Ära gestalten zu können?

Dr. Walter Bersch hat sich den Ruf eines autoritären Führungsstils erarbeitet – das „System Bersch“ nannte das der CDU-Fraktionschef Wolfgang Spitz. Aber auch dessen Partei zettelte im Stadtrat immer wieder Scharmützel an – das Gremium lähmte sich allzu oft selbst in Scheingefechte. 


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Wenn es eine Wahl gegen Bersch war, dann hat Niko Neuser es nicht genügend geschafft, sich von der Vergangenheit abzusetzen. Zwar hatte er mit dem Freibad erfolgreich Akzente gegen den Bürgermeister gesetzt, aber der Stempel SPD-Kronprinz haftete schon zu lange an ihm.

Weiteres Indiz: Philipp Loringhoven, der unterlegene Dritte bei der Bürgermeisterwahl, hatte es aus dem Stand geschafft, ein Viertel der Wähler für sich zu begeistern. Er war als parteiloser Kandidat angetreten, nachdem ihn die CDU in Boppard nicht aufs Schild heben wollte.

Bei der Hauptwahl am 14. März konnte Loringhoven in Boppard Süd mit 30,6 Prozent der Stimmen und in Holzfeld mit sogar 40,3 Prozent beachtliche Werte einfahren. Schaut man sich diese beiden Wahlbezirke genauer an, fällt auf, dass Jörg Haseneier hier bei der Stichwahl besonders stark zulegen konnte.

Während Neuser in Boppard Süd 50 Stimmen mehr holte, schaffte Haseneier das doppelte. In Holzfeld legte Neuser minimal zu (neun Stimmen), wohingegen sein Kontrahent die Zahl der Unterstützer mehr als verdoppeln konnte.

Extremfall Hirzenach: Hier schaffte es Jörg Haseneier seinem Konkurrenten sogar Stimmenanteile von 3,5 Prozent abzujagen, obwohl auch die Loringhoven-Prozente zu verteilen waren.

Jetzt wird Jörg Haseneier die Chance haben, ob der Vertrauensvorschuss der Wähler gerechtfertigt war. Am 14. Oktober tritt er als neuer Bürgermeister an …

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