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Prozess wegen versuchten Totschlags

Streit nach Puffbesuch in Kastellaun endet in Messerstecherei

Landgericht Bad Kreuznach versuchter Totschlag Kastellaun
Foto: Dirk Eikhorst Das Landgericht Bad Kreuznach verhandelte einen versuchten Totschlag in Kastellaun

Gerichtsurteile stützen sich oft auf die Aussagen von Zeugen, sind diese doch das häufigste Mittel zur Beweiserhebung vor Gericht. Die Zeugen sind verpflichtet wahrheitsgemäß und vollständig auszusagen – aber das Gedächtnis ist keine Computerfestplatte, von der die Infos nach Bedarf und nach Monaten einfach abgerufen werden können: Erinnerungen verschwimmen, werden neu zusammengesetzt oder gaukeln uns gerade bei belastenden Erlebnissen eine Wahrheit vor, die für uns möglichst wenig schmerzhaft ist.

Nicht umsonst gelten Zeugenaussagen als das fehleranfälligste Beweismittel in Strafverfahren. Was aber das Schwurgericht in Bad Kreuznach aufgetischt bekam, machte vor allem die Vorsitzende Richterin fassungslos bis ungehalten. Erzählte doch gerade das Opfer eine völlig andere Version als zwei unabhängige Zeugen und der Angeklagte.

Vor dem Landgericht Bad Kreuznach musste sich jetzt ein 48 Jahre alter Mann aus Kastellaun wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er soll seinem Arbeitskollegen nach einem Puffbesuch mit einem Messer mehrfach in Bauch und Seite gestochen haben – es ging bei dem Streit um 60 Euro.


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Die Version des Angeklagten: Es war der 19. Januar 2020, ein Sonntag. Er ging morgens in die Spielhalle, wo er auf seinen Arbeitskollegen Ivan traf. Seit Mitte der Woche hatte er den neuen Job im Straßenbau, jetzt wollte man Sasha, einen weiteren Kollegen aus der Kolonne, besuchen.

In Sohren hätten sie zusammen Wodka getrunken, bis man auf die Idee gekommen sei, in Kastellaun in den Puff zu fahren. Zusammen mit Sasha sei er in das Freudenhaus gegangen und habe sich, um die käufliche Liebe zu bezahlen, Geld von ihm geliehen. Die Bordellchefin habe die beiden aber abgewiesen, weil sie zu betrunken gewesen seien.

Später habe Sasha dann das Geld von ihm zurückgefordert, das er ihm aber längst zurückgegeben haben wollte. Es kam zum Streit. Sasha soll ihn aus dem Auto gezerrt haben. Zuerst hätten sie sich mit Fäusten traktiert, dann habe er aber auf dem Rücken gelegen, Sasha auf ihm, mit dem Ellbogen auf seinem Hals.

„Er hat mich überfallen, ich habe mich nur verteidigt“, sagte der Angeklagte vor Gericht. Aber plötzlich sei da das Messer in seiner Hand gewesen, wie er es geschafft hatte, das Taschenmesser mit einer Hand zu öffnen, könne er sich auch nicht mehr erklären. Jedenfalls stach er zu. Mehrfach. In Bauch und Seite des Arbeitskollegen.

Dann hätten er und Sasha das Blut gesehen. „Ich habe gesagt, er solle stehenbleiben, ich würde ihn ins Krankenhaus bringen“, berichtete der Angeklagte, „aber er ist weggelaufen und hat an den Häusern geklingelt.“ Dann seien auch bald der Rettungswagen und die Polizei eingetroffen. „Ich bin dann hingegangen und habe gleich gesagt, dass ich das war.“

Die Version des Opfers: Ivan habe ihn an dem Tag angerufen und gefragt, ob er vorbeikommen könne, dass er dann aber „mit dieser Person“ aufgetaucht sei, habe ihn verwundert. Schließlich hätten der Angeklagte und er auf der Arbeit Streit miteinander gehabt.

Im Bordell soll der Angeklagte dann Streit gesucht haben und weil man „nicht zum Zuge kam“ – so bezeichnete es die Richterin später – habe Ivan ein weiteres Etablissement vorgeschlagen. Dort habe dieser erst einmal die Lage checken wollen und die beiden zusammen am Auto zurückgelassen.

„Dann hat er mich noch einmal nach Geld gefragt“, berichtete Sasha, es sei zum Streit gekommen und dann habe er auch schon einen Stoß in den Magen bekommen. Ob dies schon ein Stich gewesen sei, konnte er nicht sagen. Er habe dann um Hilfe gebeten, aber Ivan und auch der Angeklagte hätten ihm nicht geholfen.

Dass das Opfer eine ziemlich andere Version erzählte, die auch von weiteren Zeugen, eben der Bordellchefin und Ivan, nicht geteilt wurde, brachte die Richterin in Rage, mehrfach musste sie Sasha ermahnen, dass er zur Wahrheit verpflichtet sei. Doch er blieb dabei. Der Prozess wird fortgesetzt.

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