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„Riograndenser Hunsrickisch“

So klingt Hunsrücker Platt aus Brasilien

Foto: privat Oktoberfest in Santa Cruz do Sul (Rio Grande do Sul)

Vor fast 200 Jahren, im Jahre 1824, begann die Zuwanderung aus der Hunsrück-Region nach Südbrasilien, als die ersten Migranten mit dem Schiff in Porto Alegre einliefen. Damals zwangen Ernteausfälle und die industrielle Revolution große Teile der ländlichen Bevölkerung ihre Heimat zu verlassen, so auch viele Hunsrücker. Die Einwanderer blieben, gründeten Familien und bewahrten sich ihre Traditionen und Sprache.

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Allerdings lässt sich mittlerweile auch eine Entwicklung erkennen, die darauf hindeutet, dass der Gebrauch des Platts immer weiter abnimmt, weil dieses offenbar nur noch von der älteren Generation regelmäßig gepflegt wird. Bei den Jüngeren hingegen ist es nicht mehr so präsent. Droht diese brasilianische Variante der Hunsrücker Mundart nun langfristig zu verschwinden?

Es gibt verschiedene Initiativen, die genau das verhindern möchten. Der promovierte Biologe Piter Kehoma Boll etwa betreibt unter hunsriqueanoriograndense.wordpress.com einen eigenen Online-Blog mit dem Ziel, den Dialekt in der Region zu erhalten und zu fördern. Auf seiner Website erklärt Boll sein Anliegen so:

Foto: privat
Eine traditionelle Kinderfolklore-Tanzgruppe in Rio Grande do Sul

Hier där Blog hod die Intënzion die riograndense hunsrickische Sproch (Riograndenser Hunsrickisch), wo im Sietbrasil gesproch werd, se divulgeere un so fersughe bei de Sproch eerer Prësërvazion se helfe, oder wenichstens sie rëschistreere ob-se ferschwinnd.

Ein weiterer brasilianischer Blog, der sich dem Hunsrickisch verpflichtet fühlt, ist der von Pio Rambo. Der Nachname Rambo mutet allerdings auf den ersten Blick wenig „deutsch“ an. Die Geschichte von Pios Familie ist auch etwas komplizierter.

Ursprünglich kamen seine Vorfahren aus Frankreich. Der korrekte Familienname lautete Rambeaux. Im Zuge der napoleonischen Kriege flohen Rambos Vorfahren nach Deutschland in den Hunsrück und aus Rambeaux wurde Rambo. Pio selbst sprach bis zu seiner Einschulung mit sieben keine andere Sprache als das Hunsrickisch. Seit 1983 veröffentlicht er nun schon regelmäßig Artikel in seiner „Muttersprache“.

Foto: privat Solange Hamester Johann

Den wichtigsten Beitrag zum Erhalt und zur Förderung des Riograndenser Hunsrickisch leistet aber mit Sicherheit Solange Hamester Johann mit ihrem „Proyekt Hunsrik Plat Taytx“ (Projekt Hunsrück Platt Deutsch). Seit nunmehr 17 Jahren arbeitet die Lehrerin für Portugiesisch, Englisch und Hunsrickisch daran, die Sprache, die möglicherweise noch von bis zu drei Millionen Menschen in Brasilien gesprochen wird, am Leben zu halten.

Damit wäre das Riograndenser Hunsrickisch nach der offiziellen Landessprache Portugiesisch auch die am zweithäufigsten gesprochene Sprache Brasiliens. Dabei besteht Johann darauf, dass es sich beim Hunsrickisch nicht nur um einen Dialekt, sondern um eine eigenständige Sprache handelt: „Dialekt ist ein bisschen abwertend. Hunsrickisch ist für uns eine eigene Sprache“, erklärt sie.

So sieht das auch der brasilianische Staat, der dem Hunsrickisch den Status einer eigenständigen Sprache verliehen hat. Auch mit der Bezeichnung „Riograndenser Hunsrickisch“ ist Hamester Johann nicht ganz glücklich: „Rio Grande do Sul ist nur ein Bundesstaat in Brasilien. Unsere Sprache wird aber außerdem noch in Santa Catarina, Paraná und anderen Bundesstaaten gesprochen. Darüber hinaus wanderten unsere Verwandten grenzüberschreitend in großer Zahl auch nach Argentinien und Paraguay aus“, stellt sie klar.

Die Anfänge ihres Projekts im Jahr 2004 wurden von der International Society of Linguistics maßgeblich unterstützt. Damals entsandte die Gesellschaft ein Team von Linguisten unter der Leitung von Dr. Ursula Wiesemann nach Rio Grande do Sul, um eine einheitliche Schreibweise des Hunsrickisch zu schaffen. Durch diese Vereinheitlichung sollte das Risiko minimiert werden, dass die Sprache durch das Ausbleiben der mündlichen Überlieferung komplett verschwindet, weil sie zuvor niemand jemals formalisiert hatte. Außerdem wurde das Hunsrickisch als „lebendige germanische Sprache in Südamerika“ bei Ethnologue, einer UNESCO-Organisation, die alle Sprachen der Welt katalogisiert, im Dezember 2007 mit dem Kürzel HRX registriert.

Ferner konnte 2012 ein Gesetz verabschiedet werden, welches das Riograndenser Hunsrickisch als „historisches und kulturelles Erbe des Bundesstaates Rio Grande do Sul“ anerkennt. Johann blickt deshalb auch optimistisch in die Zukunft: „Das Interesse und die Bemühung jedes Volkes in Brasilien, seine Sprachen und Kulturen zu erhalten und zu stärken, wächst.“ Aus diesem Grund gibt sie sich auch auf die Frage nach den langfristigen Überlebenschancen ihrer „Muttersprache“ kämpferisch und entschlossen:

Wir glauben daran. Gerade in Brasilien werden viele neue Maßnahmen in Bezug auf den Erhalt der Sprachen und Identitäten der Völker ergriffen. Jedes Volk bemüht sich, sein sprachliches und kulturelles Erbe zu bewahren. Unser Projekt wurde von mehreren Gemeinden kontaktiert, die daran interessiert sind, Lehrer für den Unterricht auszubilden.“

Foto: privat

Mehrere Gemeinden in Brasilien haben die von ihren Einwohnern gesprochenen Sprachen mit der Absicht, ihre Kulturen zu erhalten, offiziell anerkannt. Das Ziel ist es, Sprachen durch das Unterrichten von Kindern am Leben zu erhalten: Eine Sprache ist am Leben, solange es Kinder gibt, die sie sprechen. Viele Universitäten und Projekte tragen mit Forschung, Spracherhaltungsprojekten, Veröffentlichung von Büchern, Wörterbüchern usw. dazu bei.“

Durch Mithilfe des brasilianischen Staates konnte die Initiative erreichen, dass Hunsrickisch an Bildungseinrichtungen gelehrt wird und sich lokal als zweite Amtssprache durchgesetzt hat. Das Bündnis bietet auch Fortbildungsseminare für Lehrer in der Hunsrick-Sprache an. Es gibt sogar bekannte Bücher, die komplett ins Hunsrickisch übersetzt wurden, wie z.B. „Der kleine Prinz“. Momentan arbeitet Solange Hamester Johann noch an der Übersetzung des Neuen Testaments.

Bei allen Bemühungen, die eigene kulturelle Identität zu erhalten, stellt sich auch die Frage, ob sich die deutschstämmigen Brasilianer damit nicht ein Stück weit selbst desintegrieren. Dazu meint Johann: „Bis etwa 1970 haben unsere Großeltern diese Trennung gespürt. Heute ist das bei der jüngeren Generation nicht mehr der Fall. Wir sind Brasilianer deutscher Herkunft.“

Die Projektkoordinatorin mit Wurzeln in Cochem und Lübeck nimmt seit November 2010 auch wöchentlich Kommentare auf Hunsrickisch für 26 Radiostationen in insgesamt vier brasilianischen Bundesstaaten auf.

Hier ist einer ihrer Beiträge auf Hunsrickisch:

Haloo, hier is Solange Hamester Johann, fom Proyekt Hunsrik.
22 akust – FOLKLOOR TAACH
Tee taach waar in 1965 inkextelt kep im Brasil fer uns ti acht aan ruufe fer ti
petaytung un walorisatsioon uf ti folkloorixe manifestatsioone.
 Tas wort Folkloor kept tsayt 1846 penutst fer referëns mache uf ti keprauche fon
en folek, wan te ënglixe folklorist William John Thoms ti wërter “folk” un “lore”
paysamer penutst hot, was “khëntnise” fom folek petayte sol.
 Tan, Folkloor is te khëntnis fon en folek, wii keprauche, klaawe, oraale un kexripne
kexichte, mitus, lejënte, retsle ore adivinhas, khiner xpileray, liiter, tanse un foleks
feste fon en kultur un rechioon. Prasilianixe Folkloor is ti fereenichung fon intiaaner,
afrikaanixe un europeyixe kulture.
 Im Brasil, hon ti folkloriste Renato Almeida, Mário de Andrade un Luís da Câmara
Cascudo im aanfang XXyoer hunert te konsept fon folkloor un popular kultur im Brasil
ferprayt. Ti hon mee kraft kept fer ti aareas fon te ethnokrafii, etnolojii un kultural
antropolojii.
 Im yoerkang 1951 is in Rio de Janeiro te 1º Prasilianixe Folkloor Konkrës paseyert,
un too is en tokumënt mim naame “Prasilianixe Folkloor Kharta” aproweyert kep, un
te “folkloor fakt”, konsept woo ti folkloriste fon tee tsayt peaarwat hon, saat:
“Folkloorixe fakt is tas tënke, xpiire un hantle fon en folek, preserweyert torich ti
foleks tratitsioon un imitatsioon, was mënt, imer wayter lërne fer ti neekste
xeneratsioone”.
 In 1995, uf em VIII Prasilianixe Folkloor Konkrës in Salvador-BA, is te konsept iwer
folkloor reformuliert kep:
“Folkloor is ti samlung fon te kulturale kriatsioone fon en kemayntxaft, mit basis uf
sayn intiwituale ore kolektiife tratitsioone, woo sayn sosial itentiteet representeere.
Tii itentifikatsioons faktoore fon te folkloorixe manifestatsioone sin: kolektiif
akseptatsioon, tratitsionaliteet, tynamik, funksionaliteet.“
 Unser folek halt unser folkloor xon leewent iwer mee wii 1.500 yoer. Mier, taytxe
ore xermaanixe nookhomer im Brasil, mit unsre familye tepay, mise in acht playwe
tas yets, weche TV un Internet, unser tausent yeeriche kewoonheete net ferloer
keen, un tas ales, ekstra fer ti khiner, wayter lërne.
Xeene kruus aus Thee Walt.

Auch wenn sich das brasilianischen Hunsrickisch merklich vom Hunsrücker Original-Platt unterscheidet, kann sich ein Hunsrücker Tourist in vielen Teilen Südbrasiliens mit seinem Dialekt bei den Einheimischen verständlich machen. 2024 würde sich als Reisetermin übrigens besonders gut anbieten: Anlässlich der 200-jährigen Migrationsgeschichte aus dem Hunsrück werden viele Feierlichkeiten stattfinden. Vielleicht lädt dann das Städtchen Igrejinha die Bürger seiner deutschen Partnerstadt Simmern zum kollektiven Feiern ein?

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