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„Riograndenser Hunsrickisch“

Millionen Menschen sprechen Hunsrücker Platt –  in Brasilien

Foto: privat Eine traditionelle Kinderfolklore-Tanzgruppe in Rio Grande do Sul

„Awa wergelisch hääß houd“, klagt der alteingesessene Hunsrücker manchmal an einem schwül-heißen Sommertag. Es kann aber passieren, dass man diese Aussage in bestem Hunsrücker Platt jedoch viel häufiger in einem ganz anderen Teil der Erde hört. Nicht nur, weil es dort klimatisch fast ganzjährig subtropisch warm ist, sondern weil in dieser Region zahlenmäßig – je nach Statistik und Schätzung auch fünf- bis 30 Mal so viele Menschen eine besondere Variante des Hunsrücker Dialekts sprechen, als dessen ursprüngliche Herkunftsregion überhaupt Einwohner hat! Die Rede ist von Südbrasilien.

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Doch wie und wann kam der Hunsrücker Dialekt ins Land von Samba, Capoeira und Caipirinha? Vor fast 200 Jahren, im Jahre 1824, begann die Zuwanderung aus der Hunsrück-Region nach Südbrasilien, als die ersten Migranten mit dem Schiff in Porto Alegre einliefen. Damals zwangen Ernteausfälle und die industrielle Revolution große Teile der ländlichen Bevölkerung ihre Heimat zu verlassen, so auch viele Hunsrücker.


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Die deutschen Migranten waren im damaligen Kaiserreich Brasilien gern gesehen, denn sie sollten den südlichen Teil des Landes sowohl landwirtschaftlich nutzbar machen als auch durch ihre Besiedelung zur Manifestierung der Gebietsansprüche gegenüber dem angrenzenden Nachbarn Argentinien beitragen. Die Einwanderer blieben, gründeten Familien und bewahrten sich ihre Traditionen und Sprache.

Heutzutage ist Rio Grande do Sul nicht nur der südlichste Bundesstaat Brasiliens, sondern auch gewissermaßen der „Hotspot“ des sogenannten „Riograndenser Hunsrickisch“ oder auch „Katharinensisch“. Letztere Bezeichnung geht auf die frühe Etablierung des Dialekts im benachbarten Bundesstaat Santa Catarina zurück, wo Städtenamen wie Blumenau noch heute vom Erbe der deutschen Einwanderer zeugen.

Foto: privat Oktoberfest in Blumenau (Santa Catarina)

In Rio Grande do Sul hingegen scheint die Stadt Novo Hamburgo zunächst mehr auf das Wirken norddeutscher Migranten zurückzuführen zu sein. Jedoch wurde Neuhamburg erstaunlicherweise überwiegend von Einwanderern aus dem Hunsrück besiedelt. Der Name der Stadt geht auf die Tatsache zurück, dass die Migranten damals von Hamburg aus mit dem Schiff in See stachen.

Mittlerweile wird der Dialekt aber weniger in den Städten, sondern überwiegend in den ländlichen Gebieten von Rio Grande do Sul gesprochen. Dabei handelt es sich bei dem „Riograndenser Hunsrickisch“ keinesfalls um eine „detailgetreue Kopie“ der hiesigen Mundart. Vielmehr wurde es im Laufe der Zeit stark durch andere deutsche Dialekte beeinflusst und geformt, wie etwa dem Ostpommersch oder dem Westfälischen. Rund um die Stadt Santa Cruz do Sul wird heutzutage wiederum eine Mischung aus Hunsrücker Platt und Moselfränkisch gesprochen.

Natürlich nahm auch die offizielle Landessprache Brasiliens, das Portugiesisch, Einfluss auf den Dialekt, dessen Schreibweise sich nicht mehr an der deutschen Sprache, sondern an der portugiesischen orientiert. Zudem wurden viele Wörter aus dem Portugiesischen adaptiert.

So steigen „brasilianische Hunsrücker“ auch nicht in ein Flugzeug, wenn sie die Heimat ihrer Vorfahren besuchen wollen, sondern in ein Aviong. Dieser Begriff leitet sich vom portugiesischen Wort für Flugzeug, „avião“, ab. Es existieren außerdem hybride Wortschöpfungen. Der hunsrickische Ausdruck für Schuhladen, „Schuhloja“, setzt sich aus dem deutschen Wort „Schuh“ und dem portugiesischen Begriff „loja“ (Laden) zusammen.


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Auch die meisten Ortschaften und Städte in Rio Grande do Sul, die eigentlich einen portugiesischen Namen tragen, werden von den deutschstämmigen Brasilianern in ihrer Mundart anders genannt: Linha Nova heißt auf Hunsrickisch Naischnées, São Vendelino Sankt Wendel, Nova Santa Cruz Huntseeck, Vale Real Kronetóol.

Noch komplizierter wird das Ganze, da man Wörter im Riograndenser Hunsrickisch auf drei Arten schreiben kann: Das deutsche Wort „Straße“ lässt sich schreiben als „Stross“, „Chtroos“ oder „Xtrose“ (das X wird im Portugiesischen wie ein „sch“ gesprochen). Das Wort „deutsch“ ist als „taytx“ auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen.

Das Hunsrücker Platt aus Brasilien erweist sich also nicht nur als äußerst vielfältig, komplex und wandlungsfähig, sondern galt lange auch als der dominanteste Dialekt innerhalb der deutschen Einwanderercommunity. Schätzungen zufolge bewegt sich die Zahl derer, die diese Mundart heutzutage noch beherrschen, immerhin zwischen einer halben Million und bis zu drei Millionen Menschen. 

Foto: privat Oktoberfest in Santa Cruz do Sul (Rio Grande do Sul)

Dazu beigetragen hat mit Sicherheit die Tatsache, dass das Platt regional an Schulen unterrichtet wird und sogar teilweise den Status einer zweiten Amtssprache besitzt, womit Behördengänge sowohl auf Portugiesisch als auch auf „Hunsrickisch“ erledigt werden können. Auf vielen Pausenhöfen in den Schulen der deutschgeprägten Ortschaften und Städte in Rio Grande do Sul ist fast ausschließlich das Riograndenser Hunsrickisch zu hören.

Sowohl lokale Zeitungen als auch lokale Radiosender bedienen mit ihrem Angebot an Artikeln und Sendungen in dem Dialekt den Bedarf der deutschstämmigen Bevölkerung. Hochdeutsch hingegen hat so gut wie keine Bedeutung mehr, denn „Hunsrickisch“ dominiert unter den Brasilianern mit deutschen Wurzeln.

Dabei musste auch das Hunsrücker Platt eine schwere Zeit durchstehen. Aufgrund des Zweiten Weltkriegs wurde Deutsch samt aller dazugehörigen Dialekte in der Öffentlichkeit verboten. Es kam zu einer starken Diskriminierung der deutschstämmigen Bevölkerung, die auch als „fünfte Kolonne“ diffamiert wurde. Obwohl Deutsch und Hunsrückisch lange Zeit aus der Öffentlichkeit verschwanden und deutschsprachige Bücher konfisziert wurden, überstand der Dialekt auch diese schwierige Phase und konnte sich behaupten.

Im zweiten Teil berichtet Hunsrück News dann über verschiedene Initiativen und Menschen, die versuchen, das Riograndenser Hunsrickisch am Leben zu erhalten.

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