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Ärztlicher Bereitschaftdienst

Lokale Politik wehrt sich gegen Pläne für neue Struktur

Von leungchopan

Die Kassenärztliche Vereinigung in Rheinland-Pfalz ist Initiatorin eines umstrittenen Reformvorhabens. Der ärztliche Bereitschaftsdienst soll umstrukturiert werden. Dagegen formiert sich jetzt Widerstand aus der lokalen Politik in Form einer Resolution. Wie sind die Erfolgsaussichten dieses Beschlusses und welche Folgen hat eine Umsetzung der Reformpläne? Hunsrück News sprach mit Entscheidungsträgern und Kritikern.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Hunsrück-Mittelrhein, Peter Unkel, befürchtet durch die Umstrukturierungsmaßnahmen eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung für die Patienten, da die Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxen in Ortschaften wie Emmelshausen erheblich reduziert würden. Gerade Menschen ohne Auto hätten wohl mit erheblichen Nachteilen zu rechnen. Auch Björn Seis, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Verbandsgemeinderat, sieht die Menschen in ländlichen Regionen als Verlierer der Reform. Die infrastrukturelle Ausdünnung erweise sich aus seiner Sicht als der völlig falsche Ansatz.

Die Kritiker bemängeln, dass es seit Beginn der Umstrukturierung Anfang Juni bereits zu einer deutlichen Verschlechterung der nächtlichen medizinischen Versorgung in der Verbandsgemeinde gekommen sei. Dabei wird vor allem die nächtliche Schließung der Bereitschaftspraxis in Emmelshausen als Grund genannt. Im Fokus der Kritik steht aber auch eine etwaige Mehrbelastung der Krankenhäuser. Es gibt die Befürchtung, dass der Rettungswagen nun häufiger gerufen werde und somit die Notaufnahmen deutlich mehr Patienten zu versorgen hätten.


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Aufgrund dieser Nachteile und Verschlechterungen hat sich nun lokalpolitischer Widerstand gegen die Reform der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) formiert. Es haben insgesamt sechs politische Akteure aus dem Verbandsgemeinderat ein Papier unterzeichnet, dass die KV dazu auffordert, eine flächendeckende ambulante Versorgung sicherzustellen und die Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxis in Emmelshausen wieder auf den alten Stand zu bringen.

Hinter dem Vorhaben der kassenärztlichen Vereinigung vermuten die Gegner der Reform weniger die Absicht, eine ernsthafte Verbesserung zu erreichen, sondern vor allem finanzielle Gründe, wie etwa das Einsparen von Personalkosten sowie eine bewusste Absenkung der Nachfrage. Die Situation des ärztlichen Bereitschaftsdienstes in der Verbandsgemeinde war laut VG-Bürgermeister Peter Unkel bisher zwar nicht optimal, aber durchaus akzeptabel.

Etwas anders sieht die kassenärztliche Vereinigung selbst den Sachverhalt. Auf Nachfrage gab sie an, dass ähnliche Umstrukturierungsmaßnahmen gerade im gesamten Bundesgebiet umgesetzt würden. Der bundesweite Ärztemangel mache diese Reform aus Sicht der KV erforderlich und unerlässlich.

Gerade der vonseiten der Politik beschlossene Abbau von Medizinstudienplätzen hätte den Fachkräftemangel an Medizinern in den letzten Jahren nochmals verstärkt. Zudem wolle die Mehrheit der jungen Ärzte keine eigene Praxis mehr führen und zöge deshalb ein Angestelltenverhältnis einer Selbständigkeit oftmals vor. Eine Fortführung der bisherigen Verfahrensweise würde sich aufgrund der geringen Patientenzahl zu nächtlichen Zeiten außerdem nicht mehr lohnen.


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Im Gegensatz zur Lokalpolitik sieht die Kassenärztliche Vereinigung keinerlei Nachteile durch die Reform. Die von den Kritikern befürchtete Mehrbelastung der Krankenhäuser hänge zudem von der Nutzung der ärztlichen Bereitschaftsdienst-Hotline 116 117 ab. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um eine Patientenhotline, an deren Ende eine medizinisch ausgebildete Fachkraft mittels einer speziellen Software eine Einschätzung zur Dringlichkeit eines Falls vornimmt.

SPD-Fraktionsführer Björn Seis hält es allerdings für inakzeptabel, dass eine auf einem Algorithmus beruhende Ferndiagnose über das gesundheitliche Wohl und Wehe der Patienten entscheiden soll.

Laut KV Rheinland-Pfalz könne dieser Telefonservice aber zu einer besseren Koordinierung beitragen und somit eine Überlastung der Notaufnahmen verhindern. Allerdings sei die Rufnummer leider noch nicht bekannt genug. Hier sieht die KV vor allem die Verbandsgemeinden in der Pflicht, die Bevölkerung über dieses Angebot zu informieren. So hat etwa die VG Morbach in ihrem Amtsblatt bereits auf diesen telefonischen Service aufmerksam gemacht.

Hinsichtlich der Kritik, die Reform berücksichtige zu wenig die konkreten Lebensverhältnisse in den Gemeinden, weist die KV in Mainz darauf hin, dass diese nicht „in Stein gemeißelt“ sei. Strukturen und Bedarfe würden jährlich überprüft und man sei daher flexibel genug, um auf Veränderungen der Situation angemessen reagieren zu können und die jetzige Reform jederzeit nachzujustieren.

Die Probleme, die sich durch den demografischen Wandel ergeben, berücksichtige man ebenfalls. Mit der Zunahme älterer Menschen steigt auch die Zahl derer, die nur eine geringe Mobilität besitzt. Damit deren Bedarf an medizinischer Versorgung auch in ländlichen Gebieten gedeckt werden kann, gibt es bereits einen aufsuchenden ärztlichen Bereitschaftsdienst, der zu den Patienten hinfährt. Somit sei auch an diese Gruppe gedacht.

Während die KV also auf alle Kritikpunkte eine Antwort zu haben scheint, bleiben die Unterzeichner der Resolution weiter skeptisch. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es ohnehin keine Alternative zur angestrebten Reform. Gerade umgekehrt sieht dies Sozialdemokrat Seis, der die ärztlichen Bereitschaftspraxen wiederum für alternativlos hält.

Die Fronten scheinen verhärtet, wobei sich aller Voraussicht nach die Reform am Ende durchsetzen wird. Die Erfolgsaussichten der Resolution hingegen sind eher als gering einzustufen. Dennoch will VG-Bürgermeister Peter Unkel noch nicht aufgeben und hofft auf einen Sieg der Vernunft.

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