POLITIK
Heidrun Kisters berichtet

So kämpft die Hunsrücker Friedens-Bewegung gegen Atomwaffen

Foto von atomwaffenfrei. jetzt

Am vergangenen Wochenende protestierte die Friedensbewegung am Fliegerhorst Büchel mit einer Menschenkette gegen die Stationierung der letzten in Deutschland verbliebenen Atomwaffen. Mit dabei waren auch zahlreiche Aktivisten aus dem Hunsrück, so auch Heidrun Kisters, die sich schon lange in der Initiative engagiert. Doch wofür steht die Friedensbewegung, welche Tradition hat sie in der Hunsrück-Region und wie sieht die Zukunft dieses zivilgesellschaftlichen Bündnisses aus? Hunsrück News begab sich auf Spurensuche.

Ende der 50er bzw. Anfang der 60er formierte sich in der Bundesrepublik erster gesellschaftlicher und politischer Widerstand gegen die geplante Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden. Maßgebende Initiatoren waren damals vor allem die SPD, der DGB sowie die Kirchen. Aus diesen Anfängen gingen dann die Ostermärsche hervor, bei denen ab 1960 jährlich Kundgebungen für eine nukleare Abrüstung abgehalten wurden.

Auch im Hunsrück hat die Friedensbewegung eine lange Tradition und sichtbar ihre Spuren hinterlassen. Am bekanntesten dürfte in diesem Zusammenhang wohl die sogenannte „Raketenkuh“ sein. Seit 1986 prangt das Gemälde an der Fassade einer Scheune am Rande der Gemeinde Bell und fungiert dabei als „Mahnmal“ der etwas skurrileren Art. Eine Düsseldorfer Künstlergruppierung gestaltete damals das Kunstwerk als symbolisches Statement gegen die Stationierung von Marschflugkörpern auf der ehemaligen Militärbasis Pydna bei Kastellaun.

Foto: Dirk Eikhorst Sie ist das unübersehbares Symbol der Hunsrücker Friedensbewegung: die „Raketenkuh“ auf einer Scheune am Ortsrand von Bell.

Die Anfänge der Friedensbewegung im Hunsrück reichen aber noch weiter zurück. 1979 wurde in der Region eine lokale DFG-VK-Gruppe (Deutsche Friedensgesellschaft Vereinigter Kriegsgegner) gegründet, die auch Kriegsdienstverweigerer beriet. Im darauffolgenden Jahr erlebte die Region die erste Hunsrücker Friedenswoche. An Ostern 1981 veranstaltete die Bewegung dann eine Friedensfahrt in Form einer Fahrradtour zu diversen militärischen Standpunkten mit rund 100 Teilnehmern.

Im Frühjahr 1983 folgte die Etablierung sogenannter Friedensstammtische in Holzbach, Kastellaun, Simmern, Kirchberg, Rheinböllen, Emmelshausen und Stromberg. Es war im Übrigen das gleiche Jahr, in dem auch Heidrun Kisters aus Kirchberg der Bewegung beitragt. Als sie damals nach ihrem Studium wieder zurück in den Hunsrück kam, wurde bereits der NATO-Doppelbeschluss hitzig diskutiert. In diesem Zusammenhang kam ans Licht, dass Cruise-Missiles-Raketen im Hunsrück stationiert werden sollten.

Ebenfalls 1983 wurde auch noch das „Hunsrück Forum“ ins Leben gerufen, eine Zeitschrift mit der Zielsetzung, die hiesige Bevölkerung über die Stationierungspläne in der Region zu informieren. Bei diesem Vorhaben war die verantwortliche Redaktion großem Druck von Politik und Justiz ausgesetzt. Ein Verfahren wegen des Verdachts des Verrats von Staatsgeheimnissen wurde aber im Endeffekt wegen Geringfügigkeit wieder eingestellt.

Trotz aller Widrigkeiten setzten die Aktivisten im Hunsrück ihre Arbeit über die folgenden Jahre unbeirrt fort. So folgte 1984 die Einrichtung eines Friedensbüros sowie die Gründung des „Vereins für friedenspolitische und demokratische Bildung“. Symbolträchtig wurde im gleichen Jahr noch der sogenannte „Friedensacker“ angelegt:  Für jede der 96 Raketen, die auf der angrenzenden Militärbasis stationiert waren, wurde von den Aktivisten ein Holzkreuz aufgestellt.

Foto von atomwaffenfrei. jetzt Gegen 13 Uhr schloss sich die Menschenkette, welche sich vom Gewerbegebiet Büchel bis zum Tor 1 des Fliegerhorsts erstreckte. Um Corona-Abstände einzuhalten, verwendeten die Protestierenden Menschenkettenbänder und Transparente.

Eine vorübergehende Entspannung im Zeitalter des nuklearen Wettrüstens brachte dann das Jahr 1990. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden schließlich die ersten Cruise-Missiles-Raketen aus dem Hunsrück abgezogen. Drei Jahre später gestaltete man den Friedensacker schließlich um, ließ jedoch noch drei Kreuze als Zeichen der Mahnung stehen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Ende des Ost-West-Konflikts keinesfalls zur vollständigen nuklearen Abrüstung aller Staaten geführt hat. Die Thematik der Atomwaffen steht nach wie vor auf der Agenda der internationalen Politik. Es stellt sich zudem die Frage, wie die Zukunft der Friedensbewegung in einer Welt aussieht, in der die internationale Sicherheit mittlerweile weniger durch „klassische“ militärischen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Staaten bedroht wird, sondern immer öfter durch nicht-staatliche Akteure, wie Terrormilizen (siehe IS) oder militante Separatistenbewegungen (siehe Ukraine/Donbass; Kolumbien/FARC).

Foto: Stahlkocher Wikipedia

Heidrun Kisters ist der Meinung, dass die nukleare Abrüstung, die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrags, verstärkte Bemühungen in der zivilen Konfliktforschung sowie die Finanzierung des zivilen Friedensdienstes und der Stopp der Rüstungsexporte immer noch die vorrangigen Ziele des Bündnisses sein sollten. Den Einsatz von Nuklearwaffen hält sie aufgrund der Entwicklung von Bomben mit geringerer Sprengkraft nach wie vor für eine denkbare Option.

Auch eine weitere Konfliktspirale zwischen Russland und dem Westen sei ihrer Ansicht nach wahrscheinlich: „Die Zeichen für Entspannung zwischen Russland und dem Westen stehen ja eher schlecht und wir befinden uns schon wieder in einem neuen Kalten Krieg mit Säbelrasseln und Wettrüsten“, gibt sie zu bedenken. Allerdings räumt Kisters auch ein, dass wir es mittlerweile mit wesentlich komplexeren Auseinandersetzungen in der Welt zu tun hätten als früher.

Dazu gehören auch regionale Krisenherde, die z.B. große Fluchtbewegungen zur Folge haben. Als wesentliche Ursachen für die weltweiten Flüchtlingsströme sieht Kisters die ungerechte Weltwirtschaftsordnung, kriegerische Auseinandersetzungen und Waffenexporte. Um diese Fluchtfaktoren einzudämmen, brauche es eine außerparlamentarische Bewegung wie ihre, die öffentlichen Druck auf die Politik ausübt.

Doch wie positioniert sich die Friedensbewegung eigentlich hinsichtlich der etablierten Parteien, gerade wo demnächst Bundestagswahlen anstehen? Grundsätzlich treten zwar alle im Bundestag vertretenen Parteien laut eigenem Parteiprogramm für eine atomwaffenfreie Welt ein, allerdings setzen sich Grüne und Linkspartei in diese Hinsicht wohl für den radikalsten Politikwechsel ein, wobei die Linke mit ihrer kritischen Haltung zur NATO und ihrer Forderung nach einem sofortigen Abzug der Atomwaffen von deutschem Boden noch einen Schritt weiter geht.

Die Union hingegen besteht auf der Notwendigkeit eines nuklearen Schutzschirms durch die USA solange andere Staaten ebenfalls im Besitz von Atomwaffen sind. Langfristige Vision von CDU/CSU ist aber laut eigenen Angaben eine Welt ohne Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckung. AfD und FDP setzen sich wiederum für einen kontrollierte Abrüstung ein, die langfristig nur durch Verhandlungen mit den Atommächten zu schaffen sei.

Die Friedensbewegung fühle sich laut Kisters nicht an eine bestimmte Partei oder an ein bestimmtes Lager gebunden. Die Hunsrücker Friedensaktivistin betont zudem die Parteiunabhängigkeit und die Tatsache, dass das Bündnis keine homogene Gruppe mit einem einheitlichen Grundsatzprogramm darstelle. Vielmehr könne man die Bewegung als bunte Vereinigung verschiedenster Organisationen und Einzelpersonen sehen, die ein breites Spektrum an Vorstellungen und Forderungen vertreten. Alle eint aber ein gemeinsames Anliegen: Einer mutmaßlichen Militarisierung von Gesellschaft und Politik entgegenzutreten.

Foto von atomwaffenfrei. jetzt Rund 800 Personen beteiligten sich heute am Fliegerhorst Büchel in der Eifel an einer Menschenkette gegen Atomwaffen.

Kisters gibt aber auch zu, dass die einzigen beiden etablierten Parteien, die sich ganz klar zum Atomwaffenverbotsvertrag bekennen, Grüne und Linkspartei sind. Somit scheint der Unterstützerkreis dieser beiden Parteien in der Friedensbewegung entsprechend groß zu sein. Es mag daher kaum verwundern, dass Kritiker daher auch den gleichen Vorwurf gegen die Initiative ins Spiel bringen, dem sich auch oftmals vor allem die Linkspartei ausgesetzt sieht: ein stumpfer und ideologisch geprägter Antiamerikanismus.

Auch Heidrun Kisters geht hart mit der US-amerikanischen Außen- u. Kriegspolitik ins Gericht. Mit Antiamerikanismus habe das aus ihrer Sicht aber nichts zu tun. Ebenso kritisch wie die US-Außenpolitik beurteilt Kisters das damit eng verzahnte Handeln der NATO: „Das Bündnis hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem Verteidigungsbündnis zu einem Interventionsbündnis gewandelt. Einzelne Mitgliedsstaaten verhalten sich geradezu gefährlich“, mahnt sie an.

Mit ihrer pazifistischen Grundhaltung und der Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt geht die Friedensbewegung auch auf klaren Konfrontationskurs zur Idee des sogenannten „Abschreckungsfriedens“. Dieser theoretische Ansatz lässt den logischen Schluss zu, dass die Existenz von Atomwaffen die Hemmschwelle für einen Krieg deutlich erhöht, da Staaten militärische Interventionen eher unterlassen, wenn Sie mit einem nuklearen Gegenschlag rechnen müssen.

Würde also eine atomwaffenfreie Welt nicht letztlich sogar die Wahrscheinlichkeit von Kriegen erhöhen und damit die Zielsetzung der Friedensbewegung ad absurdum führen? Heidrun Kisters meint dazu, dass der Abschreckungsfrieden eher die Konflikte hin zu Stellvertreterkriegen verlagert habe. Außerdem macht sie auch auf den Umstand aufmerksam, dass die Welt zur Zeit des Kalten Krieges mehrfach am atomaren Abgrund stand, als auf Grund von Fehlern in den Frühwarnsystemen der „rote Knopf“ um ein Haar gedrückt worden wäre. Besonders brisant und prominent war in diesem Zusammenhang die Kubakrise 1962.

Foto von atomwaffenfrei. jetzt Abschlusskundgebung nach der Menschenkette gegen Atomwaffen am 5. September 2021 in Büchel

Die Gefahr eines Fehlalarms der Frühwarnsysteme mit all seinen verheerenden Folgen hält Kisters immer noch für denkbar. Auch seien die innenpolitischen Verhältnisse nicht in allen Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind, so stabil, dass man dauerhaft auf den Mechanismus des Abschreckungsfriedens vertrauen könne.

Und wie geht es nun mit der Friedensbewegung weiter? Auch in Zukunft wird sich das Bündnis für den Atomwaffenverbotsvertrag stark machen, der momentan von 130 Staaten unterstützt wird und bereits von 55 ratifiziert wurde. Die Friedensbewegung möchte auch die kommende Bundesregierung dazu bewegen, diesem Abkommen endlich beizutreten.

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