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Prozess wegen schwerer Brandstiftung

Die „Made im Speck“ und ihr Gefängnis aus Lügen

Gericht Simmern schwere Brandstiftung
Foto: Dirk Eikhorst Der Platz des Angeklagten blieb leer, er wurde in Abwesenheit freigesprochen

„Dies war ein Fall, bei dem das Strafrecht an seine Grenzen kommt“, sagte Richter Peter Hüttemann nach dem Freispruch. „Es bleibt unbefriedigend, dass auch wir keine Lösung anbieten können – für das Grundproblem, für die Situation, in der der Angeklagte gefangen ist.“

Vor dem Amtsgericht Simmern wurde ein 28-Jähriger in Abwesenheit von dem Vorwurf freigesprochen, er habe in dem Haus, das er mit seinem Vater bewohnt, eine schwere Brandstiftung begangen. Der Prozess förderte aber eine familiäre Situation zutage, die die Tat zumindest begünstigt hat.


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2019, kurz vor der Adventszeit, ein kleines Dorf im Rhein-Hunsrück-Kreis: Der Angeklagte schichtete Holzscheite wie zu einem Lagerfeuer in seinem Zimmer auf und entzündete sie. Zur etwa gleichen Zeit rief er seine Schwester und seine Betreuerin von der Caritas an und drohte: „Ich fackel mich ab“, wie die Sozialarbeiterin vor Gericht berichtete.

Onkel, Schwester, rechtliche Betreuerin und die Sozialarbeiterin zeichneten als Zeugen vor Gericht ein übereinstimmendes Bild des jungen Mannes: schwierige Kindheit, Sonderschule ohne Abschluss verlassen, keine Arbeit, psychische Probleme und vor allem starke körperliche Beeinträchtigungen. Er leide unter Krämpfen, Schmerzen und Taubheitsgefühlen vor allem in den Beinen und Füßen. Außerdem quälen ihn finanzielle Sorgen.

Die Schwester eilte mit Mutter und Onkel in das Haus – die Betreuerin alarmierte die Polizei. Das war gegen Mittag. Als sie den jungen Mann erreichten, war dieser ziemlich betrunken; minimal 1,24 Promille errechnete später der Gutachter. Er hatte sich mit einem Messer den Arm etwa vier Zentimeter weit aufgeschnitten.

Im Obergeschoss fanden sie das „Lagerfeuer“, alle Räume waren stark verraucht, es waren aber keine Flammen mehr zu entdecken. Das Gericht ging bei seinem Urteil davon aus, dass der Angeklagte den Brand selbst gelöscht hatte, weil der Teppich auf dem die angekohlten Holzscheite lagen, laut der Schwester „klatschnass“ gewesen sei.

Bei einem ersten Verhandlungstermin war der Angeklagte nicht erschienen, er machte gesundheitliche Gründe geltend, die es ihm dies unmöglich machen würden. Bei Autofahrten bekomme er immer Krämpfe, hatte der Angeklagte auch dem Gutachter berichtet.

Also entschied sich Richter Peter Hüttemann den Angeklagten in seinem Haus zu vernehmen. Dabei berief sich der junge Mann immer wieder auf Erinnerungslücken: „Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb.“ Er habe an dem Morgen Adventskalender gebastelt, es habe aber auch einen Streit mit dem Vater gegeben. Das Feuer gelegt? Keine Ahnung. Sich selbst verletzt? Wusste er nicht mehr – er sei ja „eigentlich ein positiver Mensch“.

Die Schwester berichtete, der Angeklagte habe an dem Tag „neben sich gestanden“, er sei völlig am Ende gewesen, so habe sie ihn noch nie erlebt. „Aber er hat ja auch Not, die Schmerzen wegen der Krämpfe, die tauben Finger“, sagte sie, „er würde so gerne am Leben teilnehmen, aber er kann ja nicht.“

Der Eindruck, den sich das Gericht bis dahin von dem Angeklagten machen konnte, wurde mit der Aussage des psychiatrischen Gutachters Dr. Ralf Werner komplett umgeschmissen: „Der Mann hat keine körperlichen Beschwerden, ihm wird aber alles geglaubt“, sagte Werner. Immer wenn er ihn auf mögliche Aktivitäten angesprochen habe, seien neue Beschwerden kreiert worden.

„Er lebt wie die Made im Speck“, analysierte der Gutachter, er zeige ein absolutes Desinteresse für Dinge, die sein Leben verändern könnten, seit zehn Jahren habe er sich nicht mehr weiterentwickelt. Auch ein Ergotherapeut sei schon zu dem Schluss gekommen, dass der Angeklagte „leistungsverweigernd“ auftrete.

„Ihm wurden schon verschiedene Hilfsangebote gemacht, aber da wollte er nicht hin“, berichtete Dr. Werner, „schließlich seien dort nur behinderte Menschen und er sei ja normal.“ Und das stimme in gewisser Weise auch. So war es wohl nicht überraschend, als der Angeklagte ihm berichtete, dass sein Hausarzt ihm nicht glaube.

Werner bezeichnete das familiäre Umfeld des Angeklagten als „hochpathologisch“. Er hatte schlechte Startchancen, hätte Unterstützung gebraucht, die die Familie aber nicht habe geben könne. Und Richter Peter Hüttemann musste einsehen, dass das Gericht dem Mann auch nicht helfen kann.

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