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Feuerwehr-Chef im Kreisausschuss

„Der Katastrophenschutz ist leistungsstark – hat aber Grenzen“

Foto: Sebastian Schmitt

Als sich am 14. Juli über dem Ahrtal die Himmelsschleusen öffneten, stürzten in kürzester Zeit bis 93 Liter Wasser pro Quadratmeter auf die Region herab. Ein extremer Wert, der seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 noch nicht erreicht wurde. Die Wassermassen hatten eine Flutwelle ausgelöst, das gesamte Tal meterhoch unter Wasser gesetzt und zahlreiche Gebäude, Autos und Menschen einfach fortgerissen. 133 Männer, Frauen und Kinder verloren ihr Leben. Noch heute sind unzählige Helfer in den betroffenen Gebieten im Einsatz.

Wie wäre der Rhein-Hunsrück-Kreis auf so ein Starkregen-Ereignis vorbereitet? Wie würden im Ernstfall die Menschen gewarnt? Welche Ressourcen hat der hiesige Katastrophenschutz? Stefan Bohnenberger, der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur (BKI) des Kreises, gab in der jüngsten Kreisausschusssitzung einen detaillierten Einblick, wie die Einsatzkräfte aufgestellt sind und welche Überlegungen aus den Ereignissen im Ahrtal folgten.

„Am 14. Juli gegen 18.30 Uhr wurde unser Wasserrettungszug angefordert, die Einsatzleitung berichtete, dass im Ahrtal die Menschen reihenweise ertrinken würden“, berichtete Bohnenberger in einem Rückblick auf den Einsatz. In der Nacht seien dann über 100 Feuerwehrkameraden mit Dutzenden Fahrzeugen Richtung Ahrtal ausgerückt.

„Insgesamt 1186 ehrenamtliche Kräfte von Feuerwehr, DRK, DLRG und THW aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis haben 28 175 Einsatzstunden abgeleistet“, erklärte Bohnenberger, der betonte, dass die oftmals auch unter Einsatz des eigenen Lebens geschehen sei. 48 Menschen seien allein in der ersten Nacht gerettet worden, aber man habe auch rund 25 Tote – darunter zwölf Bewohner eines Behindertenheims – bergen müssen.

Der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur: „Der Einsatz im Ahrtal hat uns an Grenzen geführt, die wir vorher nicht kannten.“ Damit bezog er sich auf die Einsatzlage und auf die Häufung der Einsätze.

„Wir müssen uns nach dem Jahrtausendereignis im Ahrtal auch im Rhein-Hunsrück-Kreis fragen, ob wir auf solchen einen Fall vorbereitet wären“, sagte Landrat Marlon Bröhr zur Einführung und konstatierte: „Vernünftigerweise müssen wir das mit einem Fragezeichen versehen.“

Dass sich die hiesigen Einsatzkräfte auf ein solches Szenario vorbereiten müssen, daran besteht auch wissenschaftlich kaum noch ein Zweifel. Erst kürzlich veröffentlichte die World Weather Attribution in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) eine Studie, die belegt, dass das Starkregenereignis mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dem Klimawandel zuzuordnen ist. „Wir sehen ganz klar, dass der Klimawandel die Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich erhöht hat und dass er die Intensität erhöht hat“, sagte Frank Kreienkamp vom DWD laut „Tagesschau.de“.

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„Wir haben bei uns in der Region ganz ähnlich strukturierte Täler wie an der Ahr“, sagte der BKI. Sollte es zu einem Ernstfall dieser Kategorie kommen, würde der Landrat die Einsatzleitung übernehmen: „Da kommt er nicht raus“, sagte er. Bereits vor der Flut im Juli hatte Bohnenberger zusammen mit seinem Stellvertreter Christian Albrecht begonnen, die Alarm- und Einsatzpläne für Brand- und Katastrophenschutz zu überarbeiten. „Wir fangen nicht bei null an“, sagte Landrat Marlon Bröhr.

Zudem sei in den vergangenen Jahren die technische Ausstattung der Feuerwehren im Kreis immer wieder ausgeweitet worden, zuletzt etwa mit einem in Simmern stationierten Gefahrstofffahrzeug für rund 500 000 Euro oder im Nachgang der Flut von 2016 auch Anschaffung von zehn autarken Hochleistungspumpen. Aber auch die Einsatzleitstelle in den Katakomben der Kreisverwaltung wurde auf den neuesten Stand gebracht.

Problematisch ist noch die Warnung der Bevölkerung: Die Sirenen in den Gemeinden sind in die Jahre gekommen (Baujahr 1957) und teilweise schon zurückgebaut worden. Außerdem sind diese nur noch in der Lage, die Feuerwehr zu alarmieren.

Der an- und abschwellende Heulton, mit dem in weiter zurückliegenden Jahrzehnten die Bevölkerung vor Großschadensereignissen gewarnt wurde, lässt sich nicht mehr abspielen. Zwar gebe es eine „Zwischenlösung“ über die Installation eines Funkmeldeempfängers, diese würde aber allein bei den 156 noch existierenden Sirenen 80 000 Euro ausmachen.

Die Ausschussmitglieder bedankten sich bei Stefan Bohnenberger und Christian Albrecht für die im Ahrtal erbrachte Hilfe – stellvertretend für alle Einsatzkräfte, die „schier Übermenschliches“ geleistet hätten. Einig war man sich außerdem, dass bezüglich der Alarmierung der Bevölkerung jetzt kein Schnellschuss erfolgen solle, sondern „mit Maß und Mitte“ (Bröhr) die Möglichkeiten eroiert werden sollten.

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