POLITIK
Wohnungsbau oder Naherholung?

Der Kampf um die Simmerbach-Aue

Simmerbach-Aue Bauprojekt Petition Übergabe
ForoDirk Eikhorst Die Simmerbach-Aue mit dem Anwesen „Menne“, das dem Bauprojekt von Architekt von Danwitz weichen soll

Die sogenannte Simmerbach-Aue zwischen Klappergasse und Kuhnengasse im Herzen der Kreisstadt Simmern ist in den vergangenen Monaten zu vermintem Terrain geworden – und beständig werden neue Geschütze aufgefahren. Zudem verschieben sich ständig die Frontlinien, die Wahl der Waffen scheint nicht immer fair.

Knapp 1200 Menschen haben eine Online-Petition unterzeichnet, die sich gegen die Pläne des Simmerner Architekten Konrad von Danwitz richtet, in der Simmerbach-Aue einen Neubau zu errichten. Am Dienstag wurde Bürgermeister Dr. Andreas Nikolay die Unterschriftenliste vor Ort übergeben. Er sicherte zu, dem Stadtrat das Meinungsbild zu übergeben und das dieser es sehr ernst nehmen werde.

Der Stein des Anstoßes: Rund neun Millionen Euro will von Danwitz (77) auf dem 3300 Quadratmeter großen Areal investieren. 25 Wohneinheiten sollen entstehen, 55 bis 160 Quadratmeter groß, gehobener Luxus, direkt am Zentrum, eingebettet ins Grüne zwischen Simmerbach und Steilhang. Das Fachwerk-Ensemble auf dem „Menne“-Anwesen soll einem bis zu 100 Meter langen und bis zu 15 Meter hohen Neubau weichen.


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Als unverhältnismäßig bezeichnen die Gegner die Pläne, als großen Eingriff in die Natur, als unwiderrufliche Veränderung des Stadtbildes. 479 der knapp 1200 Unterzeichner der Petition kommen aus Simmern, elf Prozent gaben an, selbst direkt betroffen zu sein, der Großteil erklärte, sich verantwortlich zu fühlen – auch von Kiel, Meißen oder Liechtenstein aus.

Simmerbach-Aue Bauprojekt Petition Übergabe
Foto: Dirk Eikhorst Monika Hager (r.) mit Bürgermeister Dr. Andreas Nikolay bei der Übergabe der Petition

Der Investor sieht in dem Vorhaben, sein eigenes Grundstück nach den vorgelegten Plänen zu entwickeln, die Förderung der Innenentwicklung der Stadt Simmern, die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum und eine ehemalige Schuttabladefläche, die erst durch das Bauvorhaben als Wiesenfläche erlebbar und der sozialen Kontrolle zugeführt wird.

Mittendrin der Stadtrat von Simmern: Dieser hat durch die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans die Möglichkeit, auf die Ausgestaltung des Projekts Einfluss zu nehmen. Er kann etwa die maximale Höhe der Bebauung und die Anzahl der Geschosse bestimmen. Und auch, ob das Gebäude eine geschlossene Front bilden darf.

Die Protagonisten: Das sind je nach Lesart die Petenten, die sich um den Naturschutz und das zukünftige Erscheinungsbild der Stadt sorgen, und der Investor, der sich in seine Planungen nicht hereinreden lassen will und wenig Beweglichkeit in der Sache zeigt. Oder: Die Anwohner, die sich um ihren exklusiven Blick auf die Stadt Simmern sorgen und mit der Petition die Bürger instrumentalisieren, und der Architekt, der mit seinem maßvollen Projekt von den Bausünden der unmittelbaren Umgebung ablenkt.

Der aktuelle Stand: „Wir haben einen aktuellen Entwurf des Investors bekommen, aufgrund dessen wir in der Diskussion sind. Da gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Es gab Sitzungen des Stadtrates, des Bauausschusses und informelle Treffen, bei denen man sich mal ausgetauscht hat, um auch atmosphärisch aufeinander zuzugehen“, erklärte Bürgermeister Nikolay gegenüber Hunsrück News. „Ich hoffe da bewegt sich was.“

Architekt von Danwitz geht das nicht schnell genug: Über seinen Anwalt ließ er Bürgermeister Nikolay mitteilen, die Stadt müsse „das große Ganze“ sehen. Es dürfe bei der Abwägung nicht zu einer einseitigen Berücksichtigung von Einwendungen kommen. Schließlich seien dies „von subjektiven Eigeninteressen getragene, querulatorische Äußerungen“.

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So sehen die ersten Pläne des Architekten von Danwitz für die Simmerbach-Aue aus

Die Initiatoren schreiben in der Begründung der Petition von „Angsträumen“ durch die hohe und enge Bebauung. Sie sehen die Lebensräume des streng geschützten Eisvogels bedroht, aber auch von Ringeltauben, Salamandern und Kröten. Außerdem führen sie ins Feld, dass durch die massive Bebauung eine verstärkte Erhitzung der Luft erfolgen werde, da die ausgleichende Funktion des Grüns nicht mehr da sei.

Anfang Mai erhöhte von Danwitz mit einem Schreiben an die Fraktionen im Stadtrat noch einmal den Druck: Er sorgt sich darin um die weitere Verschleppung des Bebauungsplan-Genehmigungsverfahrens, mahnt, er könne auch von den baurechtlichen Möglichkeiten Gebrauch machen und sich an den im Umfeld kürzlich genehmigten Bauten orientieren. „Wollen Sie das“, fragt von Danwitz. Die vom Stadtrat in den letzten Jahren gefällten Entscheidungen bezüglich der Stadtentwicklung nennt er in gleichem Schreiben „katastrophal“.

Und dann blies der Nabu mit einem offenen Brief an Bürgermeister Nikolay in die Fanfaren: Die Simmerbach-Aue sei ein Teil „der grünen Lunge“ Simmerns. Die Stadt dürfe nicht so bequem sein, einfach einen Plan abzunicken, sodass direkt am Simmerbach 25 Wohnungen geklotzt werden könnten.

Bei der Übergabe der Petition versuchten die Initiatoren und direkt betroffenen Anwohner Katja Oertel und Monika Hager den Bürgermeister moralisch in die Zange zu nehmen: „Wir wollten, dass die Bevölkerung mit einbezogen wird, einfach, um eine qualitativ bessere Entscheidung zu finden, als wenn diese im stillen Kämmerlein getroffen wird.“ Sie hielten sich an den Grundsatz, was alle betreffe, sollten auch alle mitentscheiden.

Wann der Stadtrat über den Bebauungsplan entscheiden wird, ist noch unklar. Für die Sitzung am 19. Mai steht die Tagesordnung noch nicht fest. Bürgermeister Nikolay sagte bei der Petitionsübergabe, ihm seien die Pläne „zu hoch, zu groß und zu breit“, aber auch er habe wie die anderen 24 Abgeordneten im Stadtrat nur eine Stimme.

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