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Auswirkungen des Lockdowns

Corona-Pandemie bedroht auch das Vereinsleben

Michael Rüdesheim, Präsident des SV Niederburg
Foto: Dirk Eikhorst Michael Rüdesheim, Präsident des SV Niederburg

„Wir haben unseren Sportplatz sperren müssen, wir haben das Vereinsgelände gesperrt, natürlich auch unser Vereinsheim. Innerhalb von wenigen Tagen ist das Vereinsleben von 100 auf null heruntergefahren worden. Das war natürlich sehr, sehr hart und hat uns sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich relativ hart getroffen“, sagt Michael Rüdesheim, 1. Vorsitzender des SV Blau-Weiß Niederburg über den Lockdown.

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Der SV Niederburg ist einer von 215 Sportvereinen im Rhein-Hunsrück-Kreis. 450 Mitglieder zählt der Verein, bei rund 650 Dorfbewohnern. Kreisweit sind mit 40 000 Menschen rund 42 Prozent der Einwohner in einem Sportverein organisiert.

Der Corona-Lockdown hat auch die Vereine im Rhein-Hunsrück-Kreis getroffen: keine Torjubel, keine umkämpften Ballwechsel, keine turnenden Kinder – der Amateursport findet nicht mehr statt. Nicht für die Sportler und nicht für die Fans. Für Unverständnis sorgt der Shutdown, weil Sport nicht als Pandemiebeschleuniger gilt, weil die Vereine hart an Hygienekonzepten gearbeitet haben. Die Vereinslandschaft gilt in ihrer jetzigen Form als gefährdet.

„Der generelle Lockdown berücksichtigt leider nicht die vielfältigen und erfolgreichen Aktivitäten des Sports, der durch ein hohes Maß an Disziplin und mit der konsequenten Umsetzung von Hygiene-Konzepten erreicht hat, dass der Sport nachweislich kein Infektionstreiber ist – weder im Trainings- noch im Wettkampfbetrieb“, sagt Jochen Borchert, kommissarischer Präsident des Landessportbundes Rheinland-Pfalz (LSB).

SV-Niederburg-Vorsitzender Rüdesheim berichtet: „Wir haben natürlich verantwortungsvoll ein Hygienekonzept aufgestellt und das Leben wir auch nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch war es natürlich sehr schwierig das umzusetzen, gerade bei Fußballspielen, wenn 200 Leute auf dem Platz sind.“ Die Abstände einzuhalten, sei eines der großen Hindernisse des Konzeptes gewesen.

Die Staatskanzlei in Mainz wirbt um Verständnis, weil „die zweite Welle der Pandemie das Land mit voller Wucht erreicht hat“ und dies nur in den Griff zu bekommen sei, wenn Kontakte auf ein Minimum beschränkt würden, wie Almut Rusbüldt, die stellvertretende Sprecherin der Landesregierung, sagt. Währenddessen will LSB-Boss Borchert sich „auf Bundesebene dafür stark machen, zeitnah Konzepte zu erarbeiten, wie anstatt eines in Wellen komplett heruntergefahrenen Sports auch ein dauerhaft beschränkter, aber in Teilen möglicher Sport in den nächsten Monaten auf niedrigem Niveau funktionieren kann“.

Walter Desch
Foto: privat Walter Desch ist der Sportkreisvorsitzende

Dies könnte auch für Kinder und Jugendliche eine wichtige Entscheidung sein. Der Sportkreisvorsitzende Walter Desch bezeichnet die Situation der jungen Sportler als kritisch: „Natürlich geht die Gesundheit vor, aber gerade für Kinder sind körperliche Betätigung und Bewegung sehr wichtig. Daher müssen wir dafür sorgen, dass sie aktuell in Bewegung bleiben“, sagte er gegenüber Hunsrück News. Es sei allen Sportverbänden ein großes Anliegen, die jungen Sportler zu unterstützen.

Annalena Kähne, zuständig für die Jugend im Sportkreis Rhein-Hunsrück, ergänzte, dass auch im Jugendbereich aktuell viele Trainings als Online-Kurse stattfänden. Für Eltern bedeute dies zwar Mehraufwand und auch die soziale Komponente falle „beim Online-Kurs flach“, dennoch wirbt sie für Fördermöglichkeiten durch die Sportjugend Rheinland im Bereich der Digitalisierung.

Kähne berichtet aber auch von einer ganz reellen Gefahr für Sportvereine: „Im Rhein-Hunsrück-Kreis haben wir bisher noch keine Vereinsaustritte im Jugendbereich beobachtet, was aber bereits in anderen Kreisen passiert.“

Michael Rüdesheim erklärt: „Natürlich sieht man die Jugendlichen noch im Dorf, oftmals sehr diszipliniert mit Maske, und natürlich kommen dann schon die Fragen auf, wann sie wie trainieren dürften, wann sie wieder Fußball, wann sie wieder Tischtennis spielen dürften.“

Rüdesheim: „Diese Fragen können wir leider im Moment nur weitergeben an die Politik.“

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier machte im Interview mit „Bild am Sonntag“ wenig Hoffnung: „Wenn wir nicht Tage mit 50 000 Neuinfektionen, wie zum Beispiel vor einigen Wochen in Frankreich, haben wollen, müssen wir durchhalten und nicht ständig darüber spekulieren, welche Maßnahmen man wieder lockern kann“, sagte er.

Auch der Niederburger Vereins-Chef Rüdesheim sagt, dass die Gesundheit über allem stehe. Aber auch er weiß, dass nur die Vereine ihrer gesellschaftlichen Bedeutung gerecht werden können, die wirtschaftlich nicht in Schieflage geraten.

Drei Millionen Euro hat das Land Rheinland-Pfalz daher mit dem Hilfsprogramm „Schutzschild für Vereine in Not“ zur Verfügung gestellt „Diese Regelung wird einen großen Beitrag zum gesellschaftlich notwendigen Erhalt unserer Sportvereine leisten“, sagte Sportminister Roger Lewentz. Bislang wurden 312 000 Euro an 58 Sportvereine ausgeschüttet, weitere 25 Anträge werden gerade bearbeitet. Rüdesheim aber sagt: „Wir haben die Fördertöpfe nach kurzer Prüfung nicht angezapft, die Hürden hierfür waren aus unserer Sicht viel zu hoch.“

Er sieht seinen Verein aber gut aufgestellt: „Unsere Einnahmen beruhen auf drei Säulen: Mitgliedsbeiträge, Sponsoren und Feste. Nehmen wir Rhein in Flammen in Oberwesel, da haben wir immer einen fünfstelligen Umsatz generieren können. Das fehlt uns, aber wer den SV Niederburg kennt, der weiß, dass wir sehr kreativ sind.“ Viele kleine Feste, eine öffentliche Weinprobe oder „Bowle to go“ haben Geld in die Vereinskasse gespült. Und eine ungewöhnliche Finanzspritze gab es zudem: Der SVN wurde im September „Verein des Monats“, kassierte 10 000 Euro. Ein Erfolg, der auch darauf zurückzuführen sei, dass versucht werde, das Vereinsleben am Laufen zu halten.

Corona-Lockdown trifft Verein im Kreis
Foto; Dirk Eikhorst Seit dem erneuten Lockdown ist der Sportplatz des SV Niederburg verwaist

Der Vorsitzende des 450-Mitglieder-Vereins lässt den Blick über den verwaisten Sportplatz schweifen: „Dieser Lockdown lässt uns ein wenig reflektieren, dass wir das, was wir unter normalen Umständen betreiben können, dass uns das sehr viel Wert sein muss. Ich habe die Hoffnung, dass wir, wenn die Krise überstanden ist, mit viel mehr Demut den Spiel- und Trainingsbetrieb wieder hochfahren. Jeder sollte sich bewusst machen, wie schön es ist, in einem Sportverein Sport treiben zu können.“

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